Wolf Biermann: "Trotz alledem". Biermanns, erste Platte mit Texten, die er im Westen verfaßte. Seine bisher beste. Ein trauriger Kobold schmettert sein "trotz alledem" auch denen entgegen, die ihm Untergang im Kommerzrummel prophezeiten. Aber seine aufständische Wut, seine plötzlich ganz leise werdende Melancholie, seine inständige Bitte ums Nachdenken – nichts hat das alles an Intensität verloren. Er leistet sich mühelos Brüche in Ton und Tonfolge, läßt die Stimme die durchaus an den "Barrikaden-Caruso" Ernst Busch denken läßt – von schrillem Aufbegehr abbrechen in einen raunenden, gar beschwörenden Erzählton. Fast unvorstellbar, daß dies alles einem einzelnen gelingt: Text, Musik und Interpretation. Das inzwischen berühmt-berüchtigt gewordene "Deutsches Miserere", in dem das ungerechte Wort von der "Jauche" vorkommt – "Aber ich bin kein Gerechter", sagt Biermann –: Es ist ein Lied von Heineschem Format, Formulierung einer Liebeserklärung an Deutschland, das er nicht finden kann, dort nicht und auch hier nicht. Pathos zeigt Biermann viel, pathetisch wird er nie; Gefühl zeigt er, aber keine Sentimentalität; Zorn aus Trauer – doch nie bißlüsterne Wut.

Fritz J. Raddatz