Der verschobene Wahltermin in Großbritannien hat zwei höchst irrelevante Ereignisse zur Folge gehabt: die Parteitage in Blackpool und Brighton. Weder Sozialisten noch Konservative haben sich oder dem Wähler einen Gefallen getan mit ihrer Revue der Inkompetenz. Die Regierungspartei zerschlug dem eigenen Kabinett jede Chance, glaubwürdig auf der Fünf-Prozent-Lohnleitlinie zu beharren, die allein dafür sorgen könnte, Englands Inflationsrate auf dem neuen Tiefenrekord von 7,8 Prozent zu halten (1975/76: rund 25 Prozent). Die Konservativen dagegen konnten sich nicht einigen, dieser Lohnbremse ihren Segen zu geben, denn Opposition heißt dagegen sein. Ihr lohnpolitischer Sprecher James Prior aber war ungeniert dafür, und ihr voriger Premierminister Edward Heath fand, ein Zusammenbruch des Callaghanschen Fünf-Prozent-Damms sei kein Grund zum Jubel, sondern Anlaß zu nationaler Trauer.

Die konservative Parteichefin Margaret Thatcher führt also keine sehr viel geschlosseneren Reihen an als der Premierminister. Soll das Siedler-Regime in Rhodesien unterstützt, die Todesstrafe für Mord wieder eingeführt, die staatliche Gemeinschaftsschule abgeschafft werden? Ebenso viele Fragen wie fehlende Antworten. Der Weg aus den Kunststoffstühlen in Brighton in den Machtsessel von Downing Street bleibt weit. Wie um sich selbst darüber hinwegzutäuschen, gab es nach der Schlußrede der Parteivorsitzenden frenetischen Beifall.

Margaret Thatcher, am Tag ihrer Ansprache 53 Jahre alt, erhielt einen Geburtstagskuchen in Form eines Schlüssels für das Haus des Premierministers. Mit der perfekten Medienkosmetik, hinter der die wohlbetuchten Tories sachliche Mängel zu verbergen wissen, bot sich eine Sinfonie in Blau und Weiß: der Saalhintergrund, das Kleid der Chefin, der Zuckerguß des Präsents und selbst ein überreichter Teddybär waren farblich auf das Erlesenste abgestimmt. Aber so wie blaue Kuchenzier nicht recht überzeugt, so weiß auch kein Brite jetzt besser als eine Woche zuvor, was denn die Konservativen etwa mit den Gewerkschaften anfingen, kämen sie nächstes Jahr ins Amt.

Frau Thatcher richtete einen großen Teil ihrer Ansprache in direkter Rede an die Trade Unions. Sie sagte ihnen Tarifautonomie zu, free collective bargaining, wie man das hierzulande nennt. Leider wird dieser gutmundende Wein derzeit ständig verwässert. Erst wurde das einschnittkende Adjektiv responsible angefügt. Doch wo "verantwortungsbewußte" Tarifverhandlungen enden, sagt kein Mensch. Jetzt hat Margaret Thatcher den Spielraum weiter eingeengt durch die Umschreibung realistic responsable free collective bargaining. Das hört sich etwa so an wie "kalorienfreie, fettlose und kohlehydratarme Wunschkost".

Doch vielleicht steckt gerade hinter der Unverbindlichkeit des Angebots eine clevere Berechnung. Was sich Großbritannien, sofern es abseits fester Loyalitäten nach der Notwendigkeit der Stunde wählt, im Augenblick fragt, ist eben, wie eine Regierung Thatcher verführe, wiederholte sich ein Versorgungsstreik, wie ihn die Regierung Heath 1973/74 zu bestehen hatte und nicht bestand.

Niemand zweifelt an der Entschlossenheit der kühlen Blonden, die in unkontrollierten Augenblicken einen sehr harten Zug um die Mundwinkel bloßlegt, beträchtlich länger durchzuhalten als ihr Vorgänger, der in Brighton so demonstrativ den Staats- vor dem Parteimann herauskehrte. Jeder weiß, daß es einige britische Gewerkschaften – jedoch nicht alle – danach gelüstet, ihre Macht endlich einmal wieder ungeniert, ohne Rücksicht auf die verschwägerte Labour Party, in einer Konfrontation etwa mit der Unternehmerpolitikerin Thatcher zu demonstrieren. Doch das weiß auch Frau Thatcher.