Von Helmut Schödel

Die Szene spielt in einer Kneipe. Ein junger Mann, der sehr bieder aussieht in seinem Anzug, lehnt an der Theke und trinkt. Er ist schon angetrunken und längst nicht mehr so sicher auf den Beinen wie der gut zwanzig Jahre ältere Zecher neben ihm. Beide reden, wenn sie nicht trinken, im Grazer Idiom. Während der Wirt noch eine Platte mit einem Cellokonzert auflegt, arbeitet der Junge mit schwerer Zunge an einem Satz: "Ich habe Angst vor Menschen, hat der Psychiater gesagt." "Man stirbt ununterbrochen", sagt der Ältere. Die beiden, im Selbstgespräch einander zugewandt, stehen an einem frühen Oktoberabend an der Theke einer Kneipe in der Grazer Innenstadt.

Die Szene spielt in einem Wirtshausgarten. Ein Wind kommt auf, es regnet stark. Ingenieur Bluhm, der sehr bieder aussieht in seinem schwarzen Anzug, sitzt, ziemlich betrunken, auf einem der Gartenstühle unter einem großen Kastanienbaum. Sein Frau steht hilflos neben ihm: "Ich friere." "Das Leben geht weiter, das ist der einzige Trost", sagt Bluhm darauf. Die beiden, im Selbstgespräch einander zugewandt, stehen in der Abenddämmerung in einem Biergarten auf der Bühne des Grazer Schauspielhauses.

Ein Abend in einer Grazer Kneipe und ein Abend im Grazer Theater: Was ich in der Kneipe erlebe, kommt mir vor wie für das Schauspielhaus inszeniert. Was ich im Schauspielhaus als Inszenierung erlebe, kommt mir jetzt vor wie eine alltägliche Szene in einer Grazer Kneipe.

Vielleicht hätte ich die beiden Betrunkenen in dem Lokal, fern von Graz, an der Theke einer Münchner oder Hamburger Gaststätte überhaupt nicht bemerkt. In Graz sind sie mir ganz besonders aufgefallen. Weil ich sie aus Graz kannte: Ich kannte diese philosophierenden Trinker aus den Theaterstücken von Wolf gang Bauer. Ich kannte diese Art, den eigenen Weltschmerz zu formulieren (und solche Gesprächskonstellationen) aus einem Theaterstück von Gerhard Roth. Bei Bauer und bei Roth waren die erfundenen Personen, als die ich die wirklichen zu erkennen glaubte, Literaten, hießen Fred (in Bauers "Gespenster") oder Albert (in Roths "Sehnsucht"). Vielleicht wäre ich aber, fern von Graz, wenigstens sicher gewesen, daß die wirklichen Personen Schriftstellern nur gleichen. Anders in Graz. Hier vermute ich hinter einem Herrn mit Bart Gerhard Roth, hinter einem Herrn ohne Bart Alfred Kolleritsch. Denn wenn ich an Graz denke, denke ich an Schriftsteller: an Bauer, Buchwieser, Eisendle, Falk, Frischmuth, Handke, Hüttenegger, Jonke, Kolleritsch, Roth, Scharang, Sommer, Wolfkind mindestens. Und so erlebte ich in Graz tagtäglich, was ich in den Zettelkästen von Literaturwissenschaftlern unter dem Stichwort "Literarisierung von Erfahrung" fände. Vor den großen Springbrunnen im Stadtpark, mit dem weißen Gebäude des "Forum" im Rücken, neben dem Musikpavillon, den ich aus Roths "Winterreise" kenne, auf einer Parkbank unter einem großen Kastanienbaum, kam mir alles sehr unwirklich vor, wie ein Theaterstück, wie ein Film, wie ein Buch. Dieses Graz im Herbst: war das schon das Fest, zu dem ich gekommen war?

Ich verließ den Park und suchte das Fest in der Stadt. Die Plakate, auf die ich immer wieder traf – "Wir danken den Steirerinnen und Steirern für ihr Vertrauen. Steirische Volkspartei" – gehörten offensichtlich nicht dazu. Wohl aber der betrunkene Ingenieur Bluhm im Grazer Schauspielhaus. Er betrank sich für ein Stück von Gerhard Roth, für "Dämmerung". In dieser Uraufführung anläßlich des Steirischen Herbstes trifft man in diesem Jahr wieder auf jene Gespenster, auf die man bei der Uraufführung von Roths "Sehnsucht" anläßlich des vorjährigen Steirischen Herbstes schon einmal getroffen war.

Roths nächstes Stück müßte ein Stück ohne Worte sein. Denn der betrunkene Ingenieur, der betrunkene Prokurist, der betrunkene Advokat, der schläfrige Museumsführer und der steife Bergwerksdirektor, die sich zusammen mit ihren Frauen am Abend nach der Trauerfeier für ihren verstorbenen Chef im Biergarten eines Gasthofs treffen, in dem gerade eine Hochzeit gefeiert wird, verfügen nicht einmal mehr über die Zitate, die den Menschen in "Sehnsucht" den Kopf regierten.