Trotz gleicher Bildungschancen drängen Sowjet-Frauen immer noch in "typisch weibliche Berufe

Von Marianna Butenschön

Kürzlich fand in der Moskauer Hochschule des Zentralrats der sowjetischen Gewerkschaften eine Tagung zum Thema "Wege zur effektiveren Nutzung der Frauenarbeit in der Volkswirtschaft der UdSSR" statt. Ihre Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift "EKO" in Nowosibirsk veröffentlicht. Es sind überraschend kritische Einsichten, die da von engagierten jüngeren – zumeist weiblichen – Wissenschaftlern vorgelegt wurden. Sie zeugen nicht nur von einem gewachsenen Problembewußtsein unter Ökonomen, Soziologen, Medizinern und Juristen, sondern auch davon, daß die Öffentlichkeit sich diesen Problemen immer stärker zuwendet.

Die Bürokratie scheint da langsamer zu sein. Wie bei dieser Tagung bekannt wurde, haben von mehr als fünfhundert Einrichtungen, Behörden und Instituten, die sich von ihrer Anlage her auch mit der Erforschung der Frauenarbeit hätten beschäftigen können, rund vierhundert noch nie auch nur eine einzige Untersuchung darüber durchgeführt. Zu untersuchen gibt es indessen genug, darunter folgende, von "EKO" aufgezählte Mißstände:

  • In der beruflichen Qualifikation sind die Frauen "hartnäckig" im Rückstand.
  • Frauen sind vorwiegend mit Handarbeit und unqualifizierten Tätigkeiten beschäftigt.
  • Betriebsleiter verletzen die Arbeitsschutzgesetze und werden nur selten dafür bestraft.
  • Schlechte und schädliche Arbeitsbedingungen werden nicht verbessert, sondern zu oft mit einem Zusatzgeld "kompensiert".
  • Betriebsführer sind unfähig, die für den Arbeitsschutz bereitstehenden Mittel richtig zu nutzen, der Löwenanteil der vorhandenen Gelder geht in den Fabriken in die Ventilation, nicht aber in den Kampf gegen Lärm und Vibration.
  • Die Normen sind in einigen Berufen mit physischer Arbeit für Männer und Frauen immer noch die gleichen, so daß Frauen wegen ihrer schwächeren Konstitution weniger verdienen.
  • Die Liste der für Frauen schädlichen Berufe stammt aus dem Jahre 1932 und ist total veraltet. Nach dieser Regelung dürfen Frauen noch Lasten von zwanzig Kilo tragen, während nach neueren Erkenntnissen maximal fünfzehn Kilo zulässig wären.
  • Die Zahl der von Nachtarbeit und gesundheitsschädlicher Arbeit befreiten Frauen ist "nach wie vor unbedeutend".
  • Zwischen 48 und 70 von hundert Frauen sind – je nach der Kinderzahl – lange vor Ende der Arbeitszeit müde. Die meisten klagen über schlecht organisierte Schichtarbeit, die sie daran hindert, ihre Freizeit und die Wochenenden mit der Familie zu verbringen.

Die erstaunlichste, von EKO verbreitete Mitteilung dürfte jedoch sein, daß die Wissenschaftler sich offenbar nicht mehr darüber einig sind, ob der hohe weibliche Beschäftigungsgrad in der Sowjetunion noch zu rechtfertigen ist. Während die einen argumentieren, die Wirtschaft brauche die weibliche Arbeitskraft und die Berufstätigkeit habe einen positiven Einfluß auf die "allseitige Entwicklung der Arbeiterin und die ökonomische Unabhängigkeit der Frau", weisen die anderen auf die "übermäßige Arbeitsbelastung der Frau am Arbeitsplatz und in der Hauswirtschaft" hin, die ihr für ihre Persönlichkeitsentwicklung keine Zeit mehr lasse. Außerdem führen die Gegner der extensiven Frauenarbeit noch das Argument an, daß das "Vorhandensein der wenig qualifizierten weiblichen Arbeitskraft den Ersatz der Handarbeit durch Maschinen nicht stimuliert."

Gleiche Chancen, gleiche Pflichten