Seine Eltern hatten wenig Sinn für seine Lust am Zeichnen, aber die Großmütter schenkten ihm das Malzeug. Alles, was seine Augen einsaugten in dem kleinen Dorf in Lincolnshire, in das die Familie zog, nahm er in seine Bilder hinein: das dünne Blau des Himmels an kalten Tagen, die Strukturen des Waldes, die Bewegung in der sommerlichen Hügellandschaft, die staunenden Gesichter der Kinder, die Eleganz der Pferde. Ja, vor allem die Pferde faszinierten ihn, und er malte und malt sie noch und noch. Eine Kunstschule hat er nie besucht; seine Ursprünglichkeit, seine Genauigkeit des Sehens, seine unverwechselbare Art des Umsetzens konnte ihm also niemand nehmen. In seinem Buch "Naive Malerei" schreibt Anatole Jakovsky: "Vincent Haddelsey ist der talentierteste und sensibelste der naiven Maler Englands." Die irritierende Vokabel "naiv" sollten wir hier vielleicht mit "unbefangen" übersetzen. Dieses großformatige und sorgfältig ausgestattete Bilderbuch ist die erste umfassendere Dokumentation der Bilder von Haddelsey –

Vincent Haddelsey: "Die Pferde des Herrn Haddelsey", Text von Caroline Silver und Vincent Haddelsey, aus dem Englischen von Rolf Inhauser; Verlag Sauerländer, Aarau und Frankfurt; 68 S., 28.00 DM.

"Ich erzähle in meinen Bildern immer gern kleine Geschichten am Rande", sagt Haddelsey. "Die Tauben auf dem Dach interessieren mich ebenso wie der Obstverkäufer, die Kavalleriesoldaten, das kleine Mädchen, das den Brief in den Briefkasten stecken will." Er erzählt vom Pferderennen, und die winzigen Hunde der Zuschauer und die grasenden Kühe fern im Hintergrund sind ihm so wichtig wie die galoppierenden Pferde. Alles geschieht innerhalb einer großen Szene, hat Zusammenhang, gehört zu einer Ordnung. Diese Suche nach Harmonie findet sich auf allen Bildern Haddelseys: die Choreographie der Schafherde und der Beaglemeute, die Rhythmen des Polospiels, der Ackerfurchen und des Vogelzugs, die Ordnung des Grases auf endlösen Wiesen, der nur scheinbar verwirrenden Fülle des Laubes, der Steine der alten Kirchhofmauer. Kleine, große, bunte, verspielte, angestrengte, müde und neugierige Pferde bewegen sich in Haddelseys Malereien, von denen diese vielleicht die zauberhaftesten sind: die erschreckten Pferde in der Mondnacht, als das weiße Mädchen spukt, und der Zug der Zigeunerwagen durch das winterliche Land. "Beim Schnee ist die einzige Schwierigkeit, die Farbschattierungen genau hinzukriegen", bekennt Haddelsey. "Je nach Licht und Tageszeit finden sich im Schnee die unterschiedlichsten Farben." Diese Intensität des Schauens überträgt sich auf den Betrachter. Man verspürt plötzlich Lust hinauszulaufen, um die Landschaft und ihre Farben mit anderen Augen zu sehen. Nicht nur die Kinder werden von diesen Bildern im Sinne des Wortes erregt, spontan nach Papier und Farben zu greifen. Schöneres kann man über ein Bilderbuch wahrscheinlich nicht sagen.

Jo Pestum