In seinem Buch "Kapitulation" (1977) schildert Ernst Herhaus die Stationen seiner Jahrzehnte dauernden Trinker-"Karriere" und seine Auflehnung gegen die Alkoholsucht. Die individuelle (Leidens-)Geschichte, mit trockenem Humor erzählt, konnte vom Leser nicht als vereinzelter und schrecklicher "Fall" schaudernd mitempfunden (und abgewehrt) werden: Im Gang des Erzählens erwies sich die Suchtkrankheit des Ernst Herhaus als gesellschaftlich produziertes Leiden, in dem sich Verstörungen, Deformationen und Fluchtwege (einer von vielen ist der Alkoholismus) exemplarisch ausdrücken.

Das neue Buch von –

Ernst Herhaus: "Der zerbrochene Schlaf"; Hanser Verlag, München, 1978; 357 S., 34,– DM

beginnt so: "Frankfurt/M., den 27. November 1973. Vor elf Tagen und Nächten habe ich die Flasche hart hingesetzt. Bis jetzt nicht mehr getrunken. Elf Tage und elf Nächte trocken. Der Entzug dauerte vier Tage und drei Nächte, dann waren Gliederzittern, Kotzen, Schwitzen, Hosenscheißen, Ameisenlaufen vorbei. Ich habe den Entzug von Alkohol und Tabletten gleichzeitig durchgezogen. Es ist zu machen. Es geht eigentlich nicht, aber es geht."

In tagebuchartigen Notizen, die bis zum März 1977 reichen, berichtet Herhaus von Woche zu Woche, Monat zu Monat, Jahr zu Jahr fortschreitend von seinem Kampf gegen die Flasche. Das Streben nach künstlerischer Totalität (wie in der "Kapitulation") entfällt in diesem Tagebuch des Selbstentzugs und des Entzugs mit Hilfe einer Gruppe der "Anonymen Alkoholiker". Der Alltag des nicht mehr trinkenden Alkoholikers ist von grausamer Härte, zum einen, weil er stündlich gegen den kaum erträglichen "Suchtdruck" angehen muß, zum anderen, weil er endlich ehrlich gegen sich selbst sein muß. In radikaler Selbstpreisgabe versucht Herhaus, die Ursachen seiner Sucht zu erkennen. Der (langsam und unter Schmerzen) voranschreitende Akt der Selbsterkenntnis setzt voraus, die durch den Alkohol am Leben gehaltenen Illusionen über sich selbst aufzugeben. Das heißt konkret: sich selbst und die Krankheit in sich zu akzeptieren; es heißt aber auch: gegen die Krankheit und gegen den Alkohol zu rebellieren. Um diesen Balanceakt durchzuhalten, bedarf es einer Haltung, die frei ist von Arroganz und Selbsttäuschung: "Für Krankheit, falls sie unheilbar ist, lautet meine Devise: Alle Angst annehmen, um der Furcht zu widerstehen."

Aber als Einzelkämpfer gelingt, wie Herhaus in vielen mißlungenen Entzugsversuchen feststellen konnte, der Kampf gegen "seelische Versteinerung" und "Gier nach Selbstvernichtung" nicht. Herhaus schafft es, durch die Mitarbeit in einer Selbsthilfegruppe seit fünf Jahren "trocken" zu bleiben. Die Notwendigkeit von"Fremdhilfe" ist nach seiner Meinung jedoch genauso wichtig. In seinem Falle bedeutet das die Auseinandersetzung mit den "Strahlungen" von Ernst Jünger und vor allem mit der Schrift "Offenbarungen der göttlichen Liebe" der englischen Mystikerin Juliana von Norwich, die von 1373 bis 1416 auf eigenen Wunsch bis zum Tode eingemauert war. Ihr hat Ernst Herhaus sein Buch gewidmet. Im intensiven Studium ihrer Schrift gewinnt er die Kraft, mit seinem heutigen Eingemauertsein fertig zu werden. Unter Aufbietung all seiner Energien versucht er, liebevoll (wie Juliana) mit seinen Mitmenschen umzugehen. Das gelingt ihm selten genug, denn Haß und Selbsthaß, die das Dasein des Trinkers bestimmen, kann er nicht einfach abschütteln.

Herhaus’ Tagebuch (er nennt es ein "Nebenbeiwerk") ist ein Lehrbuch für Leser, die Widersprüche und Brüche im eigenen Leben furchtlos annehmen und bekämpfen wollen. In dem Buch gibt es Wiederholungen und Geschwätzigkeiten; es stören die immer wieder auftauchende (als Demut verkleidete) Überheblichkeit des Autors, seine Selbststilisierungen. Aber ihm gelingen auch Passagen von großer gedanklicher und sprachlicher Präzision.