Theater in Bremen: das war lange Jahre nur noch Legende – Erinnerung an ehemals frechere Zeiten, an Zadek, an Stein und an Hübner. Denn danach kamen friedliche Jahre; zwar machte George Taboris Theaterlabor gelegentlich noch auf Bremen aufmerksam, doch ansonsten herrschte Ruhe nach den Stürmen. Ein Stadttheaterbetrieb arbeitete, sicher nicht schlecht, doch kaum noch spektakulär. Dies fanden die Bremer, die Hübners Theater mit oft provinziellem Mißmut begleitet hatten, nun auch wieder nicht gut – diese Verdrängung des Skandals durch den Alltag.

Jetzt könnte der Sturm nach der Ruhe beginnen; und wenn nicht alles täuscht, sieht das Bremer Publikum den rauheren Zeiten fröhlich entgegen. Ein neuer Intendant (Arno Wüstenhöfer), eine neue Dramaturgie (Klaus Völker, Wolfgang Wiens), neue Regisseure (Nicolas Brieger, Frank-Patrick Steckel) und viele neue Schauspieler, aus Frankfurt, Basel, München, Berlin, haben die Arbeit begonnen – und gleich ihre erste große Produktion, Briegers Inszenierung von Schillers "Maria Stuart", ist so etwas wie ein Manifest geworden: gegen ein bloß sittsam-kultiviertes, feige-ausgewogenes Theater. Ein in fast jeder Hinsicht skrupelloses Trauerspiel wurde in fast jeder Hinsicht skrupellos vorgeführt - und das Premierenpublikum ~~~~ ~~~~~~ treue richtig; war gespannt, amüsierte sich, jubelte, und das mit Recht. Es muß auch Feste geben – die Skepsis kann ruhig einmal warten.

Es paßt zum schaustellerischen Charakter der Aufführung, daß sie gleich mit einem großen Muskelzeigen beginnt. Was Schiller in einem kargen Botenbericht (Zweiter Aufzug, erster Auftritt) erwähnt, ein Ritterspiel am Hofe der Elisabeth, benützt Brieger zu einer großen, zirzensischen Ouvertüre. Grand Magic Schiller: Halbnackte Turner zeigen ihre Kunst (und ihre Körper), Radschläger, Kunstradfahrer, Menschen auf Stellen treten auf. Die Königin (Marlen Diekhoff) sieht all dem ungerührt, mißmutig zu; erst, als ein Seiltänzer vom Seil stürzt, reglos am Boden liegenbleibt, lacht sie auf, klatscht amüsiert Beifall, verläßt vergnügt die Bühne.

Im nächsten Bild sieht man die andere Königin, die große Rivalin Maria Stuart (Barbara Petritsch) in ebenfalls sehr merkwürdiger Verfassung: in ihrem Gefängnis, auf einem Sandhaufen sich räkelnd, stöhnend, sich befingernd, bei ihrer lustvollen Selbstquälerei ein hölzernes Kreuz zu Hilfe nehmend. Und man erinnert sich, den beiden so gar nicht edlen, höchst un-würdigen traurigen Königinnen zusehend, daran, daß Goethe Schillers Heldinnen zwei "Huren" genannt hat, die sich gegenseitig ihre "Aventuren" vorwerfen.

Der Zusammenstoß der beiden Primadonnen im dritten Akt, im Park zu Fortheringhay, ist Höhepunkt jeder "Stuart"-Aufführung, so auch dieser Was nicht einmal der langweiligste Regisseur langweilig inszenieren kann, wird in Bremen zu einem denkwürdigen Spektakel. Langsam, wie in Trance, schreiten die beiden Königinnen zur Rampe, keine wagt es, zur Seite zu blicken, die andere anzuschauen. Dann ein zögerndes, angstvolles Umwenden, ein endloses Anstarren, ein gelähmtes Schweigen. Dann, als seien sie Wesen von zwei verschiedenen Sternen, fassen die beiden einander ungläubig an, wie fassungslos jede, daß auch die andere ein Mensch ist aus Fleisch. Einen Moment lang scheinen sich Haß und Angst zu lösen, entsteht eine seltsame, schöne Schwesterlichkeit zwischen den beiden Frauen – die dann abrupt in Jähzorn wieder umschlägt: Elisabeth schleift die Stuart wie eine große Puppe über den Bühnenboden, schmiert ihr Lippenstift ins Gesicht, reißt ihr, höhnisch keifend, das Kleid von den Schultern. Dabei gelingt es Brieger tatsächlich, beide Seiten der Affäre zu beschreiben, die erhabene und die lächerliche: den Endkampf zweier Königinnen, das Gezänk zweier Dirnen.

Auf diese schon sehr starke Szene folgt eine noch stärkere: Mortimer (Christian Redl) macht sich, in einem brutalen Notzüchtigungsversuch, über die Stuart her – und wieder wälzen sich die beiden Kämpfenden auf dem Boden, im Staub. Ein hitziger Schwärmer, ein Klassikerjüngling, zeigt seine vulgärsten, häßlichsten Begierden.

Das steht so nicht bei Schiller. Wirklich nicht? Brieger hat, wozu man kein Entdeckergenie sein muß, gesehen, wie viel sexuelles Eifern, wie viel geschlechtliche Not sich in Schillers ekstatischer Rhetorik verbirgt. Und hat diese Not drastisch bebildert: Mortimers Geilheiten, Maria Stuarts Selbstversuche, der Königin Elisabeth absonderliche, zwischen Lüsternheit und Ekel schwankende Stimmungen. Er hat dabei nichts zum Stück hinzuerfinden müssen, hat lediglich ent-t