Wenn es noch eines Beweises bedurfte, daß das Inkrafttreten des geplanten Europäischen Währungssystems nicht vorher angekündigt werden darf – er ist am Sonntag auf Schloß Senningen geliefert worden. Dort haben die Finanzminister der Schlangenländer (Bundesrepublik, Belgien, Luxemburg, Holland, Dänemark und als assoziiertes Norwegen) wieder einmal in aller Stille die Umtauschkurse ihrer Währungen verändert. Die Mark wurde unter dem Druck der Spekulation gegenüber allen anderen Schlangenwährungen aufgewertet. Wenn eine neue Spekulationswelle vermieden werden soll, wird das neue System irgendwann im Dezember ohne Sekt und feierliche Reden ins Leben treten müssen.

Der deutsche Unternehmer, der Maschinen nach Frankreich liefert, soll wieder genau kalkulieren können, wieviel Mark er für die vom Kunden gezahlten Franc bekommt. Wenn die Rechnung auf Mark lautet, soll der Kunde genau kalkulieren können, wieviel Franc er zur Bezahlung der Rechnung aufwenden muß. Helmut Schmidt und Giscard d’Estaing haben als brauchbares Mittel, mit dem ein Ziel erreicht werden kann, das Europäische Währungssystem identifiziert. Seit Juli arbeiten die Experten mit Hochdruck an seiner Vollendung. Sie konnten am Währungsverbund der Schlangenländer anknüpfen, die im Verkehr untereinander feste Umtauschkurse berechnen.

Nun sollen die vier außenstehenden Gemeinschaftsländer Frankreich, Großbritannien, Irland und Italien dazu gebracht werden, dem neuen System beizutreten. Ganz sicher ist bis jetzt nur, daß Frankreich mitmachen wird. Großbritannien will sich seinen Beitritt durch "Ressourcentransfer", durch Zahlungen aus deutschen Kassen abkaufen lassen. Aber auf die Dauer wird es die Isolierung in Europa nicht ertragen. Irland ist mutig und will notfalls ohne England mitmachen. Für Italien wird möglicherweise eine Übergangslösung gefunden werden.

Die Experten kommen noch nicht zügig voran. Wer sich von ihnen erzählen läßt, was sie zur Zeit tun, der wird in ein Labyrinth verwirrender technischer Einzelheiten geführt. Man muß sie beiseiteschieben, damit der politische und ökonomische Gehalt des neuen Systems erkennbar wird. Politisch – nach Jahren des Stillstands in der Europapolitik soll das Schwungrad der europäischen Integration durch ein deutsch-französisches Doppel wieder in – Bewegung gebracht werden, ökonomisch – die europäische Wirtschaft soll vor den Unberechenbarkeiten des Dollarkurses geschützt werden und von den vielversprechenden Entwicklungen in Frankreich, England und Italien profitieren.

Da darf nichts überstürzt werden. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird das neue System anfangs nur eine um Frankreich erweiterte Schlange sein. Jedes andere Land ist willkommen, das sich auf den Pfad der Stabilität begibt. Damit Frankreich und die anderen überhaupt ans Mitmachen denken können, hat Bonn die kleine Mark-Auf wertung als Morgengabe auf den Tisch gelegt. Das Ziel ist solche Opfer wert.

Rudolf Herlt