Von Armgard Seegers

Ich erinnere mich, daß ich mit zwölf Jahren als Suffragette verkleidet zum Fasching ging. Für Mädchen gab’s sonst nur noch Prinzessin oder Zigeunerin. Die Jungs kamen als Pirat, Cowboy oder Indianer. Weil meine Mutter nicht nähen konnte, hatte ich mir alte Sachen zusammengesucht, doch erntete ich keinerlei Bewunderung für das Kostüm, denn niemand verstand es. Zwar waren auch die anderen allesamt Vertreter einer längst ausgestorbenen Spezies, doch wußte ich nicht, wie ich mich meiner Verkleidung nach zu verhalten hatte. So konnte ich mich wenig an den Spielen beteiligen, bekam keine Preise, war gelangweilt, enttäuscht. Eines war mir klar: Als Suffragette ist man unbeliebt und hat wenig zu lachen. So was wollte ich nie wieder sein.

War es nicht immer so? Man hatte zu wenig Auswahl als Mädchen. Die Geschichten in den Schulbüchern handelten von Polizisten, Ingenieuren, Bauarbeitern, Feuerwehrmännern, Zahnärzten und Forschern. Frauen gab’s als Mütter oder Tanten, einmal eine Krankenschwester. Was einst mit den sieben Zwergen und dem Schneewittchen, das sich erlösen lassen durfte, begonnen hatte, setzte sich in den Schulbüchern mit englischen Jungen, die Amerika entdeckten, mit Cäsars Kriegen und französischen Kapitänen fort: Frauen haben hier nichts zu suchen.

Anders im Fernsehen. Zwar waren auch Lassie. und Flipper Tiere, die Jungen gehörten, doch danach, im Werbefernsehen, traten um so mehr Frauen auf: als kaffeekochende Schwiegertochter, als Ehefrau mit besonders weicher Wäsche oder als Geliebte mit verführerischem Deodorant. Hier waren die Männer höchstens Ärzte, die wissenschaftlich begründen konnten, warum man eben gerade diese Zahnpasta kaufen solle, oder einsame Cowboys, die mit der richtigen Zigarette jedes Abenteuer bestehen können.

Wie immer war die Welt der Männer spannender, ließ größeren Freiraum und versprach viel. Da man nicht beschließen kann, ein Mann zu werden, kann man sich irgendwann einfach vornehmen, genauso leben zu wollen, als wäre man einer. Doch ebenso wenig, wie man damit Erfolg haben wird, kann man diesen Vorsatz freiwillig fassen. Schließlich werden Mädchen so erzogen, daß sie auf solch dumme Gedanken gar nicht erst kommen.

Bei der Geburt, so unterrichtet uns das Buch "Das Rollendiktat" von Frank und Claire Weslay, unterscheiden sich Mädchen von Jungen neben dem bekannten "kleinen Unterschied" physiologisch hauptsächlich durch Herzleistung, Zellstruktur und Blutdruck. Hinzu kommt, daß Jungen meist von Geburt an aktiver sind, weniger schlafen und ihre Köpfe höher und längere Zeit heben. Mädchen dagegen schlafen länger, bewegen ihren Mund öfter und vokalisieren mehr. Die Wissenschaftler vermuten, daß Mädchen eine angeborene höhere Aufmerksamkeit und leichtere Erregbarkeit haben. Jungen sind empfänglicher für visuelle Stimulierung, Mädchen für auditive Reize.

Das Chromosomenpaar, welches das Geschlecht bestimmt, ist zu vier bis fünf Prozent an unserem gesamten Erbgut beteiligt. Rein biologisch betrachtet, ist der Mann im Nachteil. Störungen wie Autismus, Bettnässen, Stottern, Überaktivität, Legasthenie sind bei Jungen etwa fünfmal häufiger als bei Mädchen. Die Bluterkrankheit gibt es nur bei Männern, Farbenblindheit tritt bei ihnen ungefähr zwanzigmal so oft auf wie bei Frauen. Männliche Fötusse werden häufiger fehlgeboren als weibliche, und die Kindersterblichkeitsrate liegt bei Jungen höher als bei Mädchen. Im allgemeinen hat der Mann größere gesundheitliche Schwierigkeiten als die Frau. Diese’ Unterschiede sind bei Menschen aller Rassen und Kulturen zu beobachten, ebenso bei den meisten Tierarten.