Von Dieter Hildebrandt

Zur Zeit begibt sich, wie seit Jahrzehnten nicht, eine kuriose, fast paradoxe Form von Wiedervereinigung, eine intensive deutschdeutsche Spiegelung. Der Vorgang läßt sich auf die Formel bringen: Die DDR spielt sich zunehmend im deutschen Westen ab, und der Westen wiederum trägt immer mehr zur Strukturierung des Lebens drüben bei. Die Bundesrepublik wird mehr und mehr zum Resonanzboden für all das, was in der Deutschen Demokratischen Republik selbst nicht laut werden kann; nicht nur in den Extremfällen Bahro und Havemann; nicht nur für Offene Briefe oder Appelle oder für Beschreibungen skandalöser Fälle von Menschenzerstörung längst ist der deutsche Westen für den deutschen Osten das eigentliche Massenmedium, dem weder das Zentralorgan der SED noch das DDR-eigene Fernsehen gleichkommen; längst leistet die bundesdeutsche Publizistik stellvertretend für die DDR nicht nur Verständigungshilfe, sondern einen permanenten Dienst an Selbstverständnis. Die Funktionäre der SED mögen darüber spotten, dagegen polemisieren: Schon lange haben auch sie sich daran gewöhnt, solche andere, nichtideologische oder individualistische Betrachtungsweise in ihre Beurteilung einzubeziehen, und nicht allein unter strategischen Gesichtspunkten, sondern schlicht als Klartext, als Antwort auf die Frage: Was wird denn eigentlich gespielt?

Die DDR spielt sich um so mehr im deutschen Westen ab, je genauer und gelassener die Kenntnis von ihren Zuständen hier ist, je größer die Zahl der Menschen, die wirklich Bescheid wissen. Waren es in den fünfziger Jahren vor allem die Kalten Krieger, die sich mit der DDR beschäftigt hatten, war es in den Sechzigern, trotz Mauer, eine andere Generation angestrengt vorurteilsloser Beobachter, die über die innere und äußere Konsolidierung des anderen deutschen Staates zu berichten versuchten, so gibt es jetzt bei uns eine Art von kritischem Brückenkopf des sozialistischen Deutschland. Denn die DDR, die jahrzehntelang mit einer schon kapitalistisch anmutenden Besitzgier deutsche Autoren für sich reklamiert hat und dem Anspruch "Er ist unser!" von Schiller bis zu Heinrich Mann nachgerade alle Namen der Literaturgeschichte unterworfen hat, die aber angesichts der Lebenden in den umgekehrten Gestus verfallen ist: "Wir wollen mit euch nichts zu schaffen haben!" – Diese DDR entgeht ihren eigenen Konflikten ja nicht durch Ausbürgerung von Menschen: sie exportiert sich allenfalls selber. Und sie macht sich um ein Teil ihrer besten Eigenschaften ärmer: Denkgenauigkeit, Realitätsbemühung und jenen Begriff von Kultur, der sich vom Matineecharakter abhebt.

Das, knapp gezeichnet, ist die intellektuelle und aktuelle Situation, ohne die das hier anzuzeigende Buch nicht gelesen werden kann, ja, ohne die es wohl schwerlich geschrieben worden wäre –

Brigitte Klump: "Das rote Kloster – Eine deutsche Erziehung"; Verlag Hoff mann und Campe, Hamburg, 1978; 335 S., 26,– DM.

Es beruft sich, wiewohl nicht ausdrücklich, auf jenes neue und kritische Verständnis für Menschen und Entwicklungen der DDR, es vertraut auf die bundesdeutsche Anteilnahme an Vorgängen drüben, und es benennt als Intimzeugen zwei der Autoren, deren Verdrängung aus der DDR die dortigen Zustände so jäh offenbart hatten: Wolf Biermann und Reiner Kunze. Und es will, so der plausibelste Zugang zum Buch von Brigitte Klump, die Anfänge jener Entwicklung nachtragen, deren Eklat uns alle noch immer in Atem hält.

Denn es ist eine alte Geschichte, die die Autorin loswerden möchte, eine Geschichte aus den Fünfziger Jahren, ein Bericht aus Ulbrichts DDR und jenem Land, das für fast alle von uns die "Zone" war. "Das rote Kloster" ist die Fakultät für Journalismus, die "Fak-Jour" an der Universität Leipzig, die zentrale Ausbildungsstätte für Redakteure; ein Getto der Parteilichkeit, die monströse Klausur eines Regimes, das den neuen Menschen propagierte und dafür Dressurakte mit jungen Menschen unternahm. Journalisten: die werden nun aber nicht ausgebildet, wach zu sein, sondern Bewacher, nicht aufnahmebereit, sondern aufpasserisch, nicht selbständig, sondern einfügsam, nicht kritisch, sondern krisenfest. Dies alles gehört zu den Posaunen des Leninismus-Stalinismus, zum Grundverständnis einer Presse, die nicht informieren, sondern konformieren soll, nicht aufregen, sondern einstimmen; zum Einmaleins für einen Journalisten, der nicht das Schreiben, sondern das Vorschreiben lernen muß. Aber wie lernt er das, und was geschieht mit ihm selbst dabei, wenn er es lernt, und was, wenn nicht?