Von Helmut Schneider

Ist München das Schlußlicht der Kunstszene? Die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion im Münchner Kunstverein hatten auf die provozierend zugespitzte Frage keine handliche Antwort parat. Immerhin war man sich einig, daß die Lage der Kunst und der Künstler dringend verbesserungsbedürftig sei. Und auch darüber war man sich einig: Private Initiativen, ausgehend von den Galerien, sind mit dieser Aufgabe überfordert. Und so blickten alle erwartungsvoll auf den Kulturreferenten, der dann tatsächlich ein kommunales Kunstprogramm präsentierte. Es sieht vor: Förderung von Künstlern durch Erwerb ihrer Arbeiten (der Ankauf der Städtischen Galerie ist bereits auf 1 Million Mark erhöht worden); Erweiterung der Ausstellungsmöglichkeiten außerhalb der etablierten Kunstinstitutionen in den Stadtteilen; Bau von Ateliers und die Finanzierung von Ausstellungen international beachteter Kunst der Gegenwart – solche Veranstaltungen sind bislang regelmäßig an München vorbeigezogen.

Während München also sich langsam nach vorn orientiert, ist anderswo bereits Gegenwart, was an der Isar einmal Zukunft werden soll. In Basel und in Stuttgart sind, keineswegs perfekt, aber beispielhaft, Projekte realisiert worden, die Folgen haben werden, vorsichtiger formuliert: haben müßten. Denn die "Hammer"-Ausstellung in Basel und die "Kunstvorstellung" in Stuttgart sind Modelle, die praktikable Wege aus dem festgefahrenen Kunsttrott vorzeichnen.

"Das ist kein Museum", so präsentiert Felix Handschin, der Veranstalter, das Basler Unternehmen, "das ist eine Fabrik. Genauer gesagt, eine leerstehende Fabrik, in der Künstler ihre Träume verwirklichen konnten, in der Künstler anstellen durften, was sie sonst nirgends hätten anstellen dürfen. Sie konnten mit dem Lastwagen direkt an ihren Arbeitsplatz fahren, Riesensachen machen, ohne Rücksicht auf Kommissionen, Verbände und empfindliches Museumsparkett." Gegen eben dieses Museumsparkett hatte der Galerist Handschin im Laufe der Jahre eine Art Abneigung entwickelt. Als er hörte, daß das Gebäude einer ehemaligen Verzinkerei in der Hammerstraße (daher der Titel) vor dem Abbruch noch eine Zeitlang ausgeräumt stehen bleibe, war der Plan der Ausstellung geboren. Es sollte, so sagt er, "die Ausstellung meines Lebens" werden, und das ist sie, wie er mit Befriedigung feststellt, auch geworden.

Da waren nun die leeren Fabrikhallen und etwas mehr als 100 000 Schweizer Franken Kapital für die Kunst, die in diesen Räumen entstehen sollte. Der Rest war Sache der Künstler, die ihre Material- und Transportkosten ersetzt bekamen. (Zuzüglich eines mehr oder minder symbolischen Honorars.) Erfolg oder Scheitern des Unternehmens lag in ihrer Hand. Angenommen, es wäre ihnen nicht gelungen, auf die kunstferne Situation der großen, offenen Räume einzugehen und mit dieser Hilfe der ungewohnten Umgebung die Wirkung, von Kunstwerken zu intensivieren, so hätte das einen Sieg des Museums bedeutet. Die Fabrik hat gewonnen.

Noch nie waren Bernhard Luginbühls Ungetüme – der "Große Schneckengeneral", hergestellt aus hölzernen Gußformen für Maschinenteile oder sein "Emmentaler Kulturstreitwagen" aus Schrott – so unmittelbar als Form aus Phantasie einsichtig wie an einem Ort, wo die Materialien, die er verwendet, eine technische Funktion hatten. Auch Jean Tinguelys Kunst-Maschinen, die immer wieder die gleichen Bewegungen ausführen, sind, aufgestellt in einer Fabrikhalle, nicht bloß lustig, sie entlarven in der sinnlosen Geste mechanischer Apparaturen, die nichts produzieren, das Sinnlose einer Produktion, die des Produzierens wegen produziert.

Neben Tinguelys mit "Meta-Harmonie" betiteltem mechanischen Riesenorchester, das auf allen möglichen und unmöglichen Instrumenten faszinierende Klangfarben herstellt, und seinem "Landwirtschafts-Plateau" (mit einem fröhlich um die eigene Achse rotierenden Gartenzwerg) stehen auf weiß gestrichenen Sockeln Plastiken von Max Bill – Eleganz, reine Form, Mathematik. Das unvermittelte Aufeinanderprallen von Bills perfekten Flächen im Raum mit Tinguelys ratternden Konstruktionen wirkt fast wie ein Schock. Hier treffen zwei Kunstwelten zusammen, die nichts mehr miteinander zu tun haben. Auch das ist eine neue Erfahrung.