Von Norbert Miller

Als Goethe 1819 in den "Noten und Abhandlungen", die er zum besseren Verständnis seiner Traumreise in den Orient, seinem den persischen Dichtern Hafis, Rumi und Saadi nachgebildeten "West-östlichen Divan" beifügte, sich und dem Leser Rechenschaft ablegte über die Stationen unserer Kenntnis des Morgenlandes, stellte er die Namen von vier großen Reisenden zusammen, deren Nachrichten noch bis in seine Zeit das Bild des Orients für den Westen geprägt haben:

  • den Venezianer Marco Polo, der auf seiner Reise nach China in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zweimal den Vorderen Orient durchmessen hat;
  • den fabelhaften Arzt Johannes von Montevilla (d. i. John de Mandeville), dessen vielleicht authentische Fahrtberichte ihrer Märchenwunder wegen zum europäischen Volksbuch wurden;
  • den römischen Patrizier Pietro della Valle und
  • den norddeutschen Humanisten und späteren Hofastronomen und Diplomaten der Herzoge von Schleswig, Adam Olearius.

Während Marco Polo und Mandeville die Phantasie für das Unendliche und Wunderbare öffneten, waren die umfangreichen und in aller Buntheit nüchternen Berichte des italienischen Abenteurers und des deutschen Gesandtschaftssekretärs, grundlegende Handbücher der Wissenschaft, die mehrfach neu aufgelegt wurden und aus denen noch die Gelehrten und Kaufleute des 18. Jahrhunderts Kenntnis und Anschauung ziehen konnten.

Goethe urteilt so: "Hier trete nun ein Deutscher hervor in seiner Kraft und Würde. Leider war er auf seiner Reise nach dem persischen Hof an einen Mann gebunden, der mehr als Abenteurer denn als Gesandter erscheint, in beidem Sinne aber sich eigenwillig, ungeschickt, ja unsinnig benimmt. Der Geradsinn des trefflichen Olearius läßt sich dadurch nicht irre machen; er gibt uns höchst erfreuliche und belehrende Reiseberichte, die um so schätzbarer sind, als er nur wenige Jahre nach della Valle und kurz nach dem Tode Abbas’ des Großen nach Persien kam und bei seiner Rückkehr die Deutschen mit Saadi dem Trefflichen durch eine tüchtige und erfreuliche Übersetzung bekannt machte."

Goethe kannte das Buch aus dem posthumen Hamburger Druck von 1696: "Des Welt-berühmten Adami Olearii colligirte und viel vermehrte Reise-Beschreibungen ...", einem mächtigen Folianten, dem außer einigen verwandten und von Olearius bearbeiteten Berichten anderen Reisen auch seine berühmte erste Übersetzung von Saadis’ "Golestan" oder "Rosengarten" beigefügt war. Seitdem ist die "Beschreibung Der Muscowitischen und Persischen Reyse", die zuerst 1647, dann erheblich vermehrt und in der Darstellung neu gegliedert 1656 – beide Male in Schleswig – erschienen war, mit so vielen anderen Reiseberichten und Geschichtsschriften, die einmal als das Wunder der Welt galten, in den Barockabteilungen der Bibliotheken verschwunden. Bekannt blieb sie, als historische Quellenreferenz, dem einen und anderen Geographen. Als verblichener Stern erster Ordnung in den humanistischen Bestrebungen des Nordens gilt Olearius einer Handvoll Lokalforschern, als Freund des Lyrikers Paul Fleming und als ein schätzbarer Prosaist dem literarhistorischen Denkmalspfleger.

Kaum anders war das Schicksal des Pietro della Valle. Nur daß in Italien, wie überall in der Romania, die Trennung zwischen Dichtung und bloß zeitverhafteter Sachliteratur nie so rigide gehandhabt wurde wie in Deutschland: Die großen Reisebücher gehören wie die großen Geschichtswerke selbstverständlich zum Kanon der Literatur, wohingegen wir bis heute Kant und Schopenhauer, Ranke und Davidson, Friedrich Ratzel und Walter Rathenau nicht zum literarischen Bestand rechnen.