Von Gunter Hof mann

Bonn, im Oktober

Um freimütige Kritik an Helmut Kohl bitten nun seine Freunde. Heraus mit der Sprache: Der Parteitag Anfang kommender Woche in Ludwigshafen soll einiges klären. Das kann ja nicht heißen, daß für Helmut Kohl, den Vorsitzenden ohne Alternative, das Ende eingeläutet werden soll; vielmehr geht es darum, einen neuen Kurs zu bestimmen, es geht um eine "Öffnung zur Mitte".’

Die Chancen dafür scheinen einigermaßen günstig zu sein. Franz Josef Strauß bekam in Bayern und Hessen von den Wählern nur eine sibyllinische Antwort auf die Frage, mit welcher Politik und mit welchem Kanzlerkandidaten die Opposition bundesweit siegen könnte.

Kohl kann die Wahlen so deuten: Das Gelände nach rechts sei nun abgegrast, die Union müsse sich auf überzeugende Weise liberal präsentieren. Es könnte ihn beruhigen, daß die Partei-Rechte, in deren Spuren er immer öfter wandelte, irritiert ist. Das begann mit dem Sturz Filbingers, der ja auch von der Glaubwürdigkeit einer ganzen politischen Marschordnung handelte. Alfred Dreggers knapp verfehlter Sieg hat die Grenzen dieser Politik gezeigt. Strauß’ Miene vor den Fernsehkameras widerspricht der Botschaft, die er verkündet: Die CSU habe einen grandiosen Sieg errungen.

Eine Öffnung zur Mitte? Der Wunsch spiegelt wider, welcher Unmut sich, in einem Teil der Opposition da über die Jahre aufgestaut hat. Die Kritik gilt auch Kohl. Als "offen" und "modern" trat er im Jahr 1973 an, ein Parteivorsitzender, der Zuversicht ausstrahlen und die alten Fehden begraben wollte. Dem frisch gewählten Nachfolger Rainer Barzels fiel damals der Satz ein, die Politik der CDU müsse "Maß und Mitte" haben, aber sie dürfe "nie mittelmäßig sein".

Damals plädierte Kohl dafür, "weit hinauszuhören in diesen Staat und in unsere Gesellschaft, die Veränderungen zur Kenntnis zu nehmen". In der Dritte-Welt-Politik wollte er jede "provinzielle Engstirnigkeit" verbannen, in der Bildungspolitik sollte dem Ziel äußerste Priorität eingeräumt werden, Chancengleichheit für die sozial Schwächeren herzustellen. Das Zukunftsbild der Union, von Kohl gemalt, den Kanzler Brandt im Visier: eine klassische antiautoritäre Partei, mit viel Sensibilität für gesellschaftliche Entwicklungen, in ihrem Veränderungwillen von niemandem zu übertreffen.