Von Richard Löwenthal

Ein neues Buch von Raymond Aron ist immer ein intellektuelles Ereignis: Er ist einer von den wenigen, die sich umfassend mit den großen Fragen unserer Zeit auseinandersetzen, und er tut es mit einer seltenen Denkschärfe und auf der Grundlage einer ungewöhnlich breiten, kritisch verarbeiteten, zeitgeschichtlichen Erfahrung. Der Anlaß seines jetzt übersetzten Buches "Plädoyer für das dekadente Europa" ist freilich verjährt: Es wurde in Frankreich 1977 primär als Warnung gegen die Möglichkeit eines Sieges der "Union de Gauche" veröffentlicht. Doch die behandelten Themen reichen über diesen Tageszweck weit hinaus. Sie umfassen eine Auseinandersetzung mit dem Marxismus als "diesseitigem Glauben", sowohl in seiner sowjetoffiziellen Form als "Marxismus-Leninismus" wie in der Form des westlichen Neomarxismus, besonders bei Sartre, Althusser und vielen kleineren, aber viel gelesenen französischen Geistern (der deutsche Neomarxismus kommt kaum vor); einen Leistungsvergleich des Sowjetsystems und des "dekadenten" Westeuropa; und eine eher tastende Analyse der tatsächlichen Krisenfaktoren unseres freien Europa.

Die Kritik des Marxismus ist für Aron nicht neu, aber hier glanzvoll zusammengefaßt. Sie konzentriert sich auf die Herausarbeitung der von Marx mit seiner wissenschaftlichen Analyse verquickten, prophetischen Elemente und deren Wirkungsgeschichte über Lenin bis hin zu den modischen, mit Marx oft nur noch verbal verbundenen Formen der Anklage gegen einen "Imperialismus", der längst über keine Imperien mehr verfügt. Eine Hauptthese ist die Verantwortung der Leninschen Form des Marxismus (die durch Marx nicht notwendig, aber möglich gemacht wurde, wie später Stalin durch Lenin) für die Wirklichkeit der bolschewistischen Diktatur mit ihrer Brutalität und Ineffizienz. Aron

Raymond Aron: "Plädoyer für das dekadente Europa"; Verlag Ullstein Propyläen, Berlin, 1978; 416 S., 38,00 DM

verteidigt hier Solschenizyn gegen seine "linksintellektuellen" Kritiker im Westen; gleich diesem scheint er mir das Element der russischen, autokratischen Tradition in der sowjetischen Wirklichkeit zu unterschätzen. Iwan der Schreckliche ist älter als Marx und nicht weniger wirksam; Lenin und besonders Stalin sind nur als Synthese beider Einflüsse zu begreifen.

In der Auseinandersetzung mit der neomarxistischen "Vulgata" in ihrer französischen Gestalt, die sich vom sowjetischen Vorbild distanziert und eine freiheitliche Form des totalen Bruchs mit dem Kapitalismus projektiert, ist für Aron das Argument zentral, daß die vorgestellte Überwindung der "Warenform", also der Marktbeziehungen, in einer komplizierten, arbeitsteiligen Wirtschaft notwendig zu einer allumfassenden und allmächtigen Bürokratie führen muß. Nicht jede Art der "Planung" – Aron betont die Vieldeutigkeit des Begriffs –, aber der Bruch mit der Marktfunktion ist daher mit politischer und persönlicher Freiheit unvereinbar; zugleich führt er notwendig zu allen Ineffizienzen, die wir aus der sowjetischen Erfahrung kennen. Auf die These der Neomarxisten, daß die Überwindung der Entfremdung diesen Bruch erfordere, ist Arons harte und nüchterne Antwort, daß die Überwindung der Entfremdung im Sinne der Marxschen Prophetie in einer modernen Industriegesellschaft unmöglich ist, was immer ihre Eigentumsverhältnisse und ihr System der Wirtschaftslenkung sind.

Eine in ihrer Konzentration meisterhafte Geschichte des sowjetischen, Wirtschaftsystems als Geschichte der "sozialistischen Kapitalakkumulation" gipfelt in der Feststellung, daß das von Stalin geschaffene System der Priorität für Investitionen und Rüstung auf Kosten des Konsums von seinen Nachfolgern trotz aller partiellen Verbesserungen, vor allem zugunsten der Landwirtschaft, im Kern aufrechterhalten worden ist. Es folgt ein statistisch im einzelnen dokumentierter Leistungsvergleich zwischen den Wirtschaftssystemen des Sowjetblocks und Westeuropas in dem Vierteljahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Überlegenheit der westlichen Fortschritte in Produktivität und Lebensstandard hat die Phantasien vom "Einholen und Überholen" des Westens zum Schweigen gebracht und die Abhängigkeit des östlichen Systems von der polizeilichen Beschränkung der Bewegungsfreiheit seiner Untertanen aufrechterhalten – nur auf militärischem Gebiet hat die Sowjetunion annähernde Parität mit den Vereinigten Staaten erreicht.