„Prüfe, ob sie nicht lügen“

Von Gisela Lindemann

Alle denkbaren Reduktionen menschenmöglicher Erfahrung auf ihren bitteren kleinen Kern hatte Ilse Aichinger schon vor 30 Jahren, als 27jährige, durchgespielt, in ihrem ersten (und einzigen) Roman, „Die größere Hoffnung“, der Geschichte von dem halbwüchsigen Mädchen Ellen, das nicht genug „falsche“ Großeltern hatte, um den Judenstern tragen zu dürfen und so doch wenigstens irgendwo heimisch zu sein, nämlich in der Gruppe der Ausgestoßenen, der streunenden Kinder. „Wo es nicht mehr wehtut, dort wird es gefährlich, hat der alte Mann gesagt“, denkt Ellen auf der vorletzten Seite des Buches, auf dessen vorletzter Zeile sie von einer Granate in Stücke gerissen wird.

„Ach was“, denkt Ellen, „der alte Mann. Wo es gefährlich wird, da tut es nicht mehr weh, Das ist besser. Werft die Straßenbahnen um und macht Barrikaden daraus, Recht habt ihr! Gebt es nicht zu, daß euer Herz zum Schlachtfeld wird. Laßt die Beweggründe nicht Sturm laufen in euch. Verschränkt euch ineinander, das ist besser. Versucht es nicht, zu bleiben durch euch selbst.“ Aber dann hört sie den Atem des Verwendeten neben sich; ihre Starre löst sich ein wenig, und sie fährt fort in ihrem Selbstgespräch: „Wie selten hört ihr euch atmen! Und wie ungern hört ihr euch. Entweder – oder, entweder – oder!“ Wahrhaft monströs erwachsene Gedanken im Kopf eines halbwüchsigen Mädchens; aber es hatte ja nicht lange zu leben, und seine Erfahrungen hätten für mehrere längere Menschenleben ausgereicht. „Was soll da der Realismus“, heißt es in einem Gedicht des tschechischen Lyrikers Vitezlav Nezval.

Reduktion, Zurücknahme blieb seither der Modus ihres Schreibens, Verweigerung ihr Thema. Berühmtestes Beispiel: die „Spiegelgeschichte“, für die sie 1952 den Preis der Gruppe 47 erhielt. Aber damit fängt es erst an. Denn zu betrachten und mit Verwunderung zur Kenntnis zu nehmen ist das Wasser, das Ilse Aichinger in ihren Texten mit großer Anstrengung doch immer wieder aus diesem Stein geschlagen hat. Es ist wenig und nüchternes Wasser.

Jetzt erscheint ein Gedichtband von – Ilse Aichinger: „Verschenkter Rat“, Gedichte, S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1978; 94 S., 22,– DM,

Der Band enthält Texte aus zwanzig Jahren, zum Teil schon früher einmal gedruckte (in dem Band „Wo ich wohne“, der außer Geschichten Dialoge und Erzählungen enthielt), zum Teil verstreut in Zeitschriften und Zeitungen erschienene, zum größeren Teil bisher unveröffentlichte. Sie erscheinen jetzt, nach dem Willen der Autorin, in einer Anordnung, die ihre Entstehungszeit außer acht läßt. Zum Beispiel sind alle Gedichte aus dem Band „Wo ich wohne“ (1963) in die erste Hälfte dieses neuen Buches eingearbeitet und, bis auf das Gedichte-Teil der Frage“, dessen letzte drei Zeichen durch neue ersetzt sind, unverändert ~~~ ~~~. Es sind aber nirgends Brüche zu erkennen, es herrscht in allen Texten der gleiche strenge, beinahe apodiktische Sprachgestus, mit dem immer neue Paradoxien in die Welt gesetzt und vollkommen ernstgenommen und konsequent durchgespielt werden. Die Entwicklung, nach der man ja immer zuerst einmal ausschaut, wenn man sich so einem Buch mit Texten aus zwanzig Jahren nähert, findet nicht statt. Der Stein, um im Bilde zu bleiben, ist eine ahistorische Sache; nur im Wasser sind Spuren von Zeit und Umgebung, aber es muß doch immer aus dem gleichen Stein geschlagen werden.