Von Christa Rotzoll

Die eben sechzigjährige Schriftstellerin Annemarie Weber wird – nach meiner, aber nicht allein nach meiner Ansicht – schon seit langem unter ihrem Wert gehandelt. Ähnlich starke oder auch weit schwächere Talente sind, was den Respekt der Fachwelt wie die Leserzahlen angeht, an ihr vorbeigezogen. Manchen Anschluß hat sie sicher als Person verpaßt, als einschüchternde Kraftnatur, als ehrliche Geschäftsfrau.

Die ungerechte Einstufung wird aber auch mit dem Produkt zu tun haben und nicht bloß mit der Produzentin. Daß die Pracht nicht abblättert und andererseits Defekte zu beheben wären, ist wieder am neuesten Produkt zu sehen –

Annemarie Weber: "Rosa oder Armut schändet", Roman; Literarischer Verlag Helmut Braun, Köln, 1978; 383 S., 28,– DM.

Viele der Figuren sind schon in früheren Romanen Annemarie Webers vorgekommen, in "Korso" und "Westend", in "Roter Winter" und "Der große Sohn von Wulkow": zumal Elisabeth Lewinsky, ihre Eltern, ihre Söhne und der Ehemann, Herr Abelssen. Elisabeth Lewinsky ist als dickes Kindchen und als sehr anständig erhaltene ältere Dame zu besichtigen, als leider unverheiratete, immer noch studierende Direktorstochter, als flotte Mutter ohne Mann, als muntere Verdienerin mit überschickem Gatten, als gastfreie Gönnerin der oft so unerzogenen Linken, als enttäuschte und gemiedene, aber weiterhin erwartungsvolle Chefin der Familie. Die Zeiten springen hin und her, nicht allzu wild, im ganzen geht’s voran. Abwechslung bringen auch die Blickwinkel. Elisabeths Haus- und Altersgefährtin Rosa, das Dienstmädchen, das jung an einer Abtreibung zugrunde geht, Rosas Schwester und die Nichte, die auch Rosa heißt, ein Zufallskind des Kriegsendes, beherrschen wichtige Teile des Romans, die wichtigsten, wenn man dem Titel glaubt. Annemarie Weber hat sich diesmal Klassengegensätze vorgenommen, ein begrenztes, aber vielerorten noch beliebtes Thema; "dieses kritische Buch" sei "mit großem Engagement" geschrieben worden, heißt es, wie beschwörend, auf dem Umschlag.

Frau Weber wird von ihrem neuesten Verlag zum erstenmal und, wie ich glaube, heuchlerisch, unter die Kämpfer eingereiht. Dabei ist sie, auch wenn sie sich nun den Dienstmädchen und Putzfrauen zuwendet, geblieben, was sie war – Beobachterin ihrer nahen Umwelt und der eigenen Person: oft ironisch, manchmal melancholisch, hin und wieder von naivem Stolz, doch nie entrüstet, nie empört. Die Bürgertochter, die noch einmal ihre Kindheit absucht, diesmal nach den Zeichen des Sozialgefälles, kriegt schon allerhand zusammen. Gleich der erste Absatz ist ein Fund: "Geschminkt hatte sich Rosa nie, die gnädige Frau hätte das nicht gestattet. An den Tagen, an denen sie Ausgang hatte, wagte sie, sich das Gesicht zu pudern; aber dann blickte Frau Lewinsky schon streng. Rosa hinterließ im Berliner Zimmer, wenn sie sich verabschiedet hatte und den hinteren Korridor zur Hintertür hinausging, einen Duft von Puder und Elida-Seife. Frau Lewinsky und ihre Tochter Elisabeth atmeten amüsiert Rosas Dienstmädchen-Ausgangsduft ein; ein Glück, daß er schnell verflog."

Die Zeit und auch die Schicht sind wunderbar präsent, wenn Annemarie Weber die nicht allzu hohen Herrschaften gemeinsam mit dem willigen und schlecht entlohnten Personal abbildet. Sparsame und tüchtige Hausmütter waren so gerade noch zu "Gnädigen" geworden, und die gefürchtete "Gleichmacherei" der Nazis drang dann doch nicht in die Küchen vor. Man durfte weiter nach dem Mädchen klingeln – die berühmten Birnchen mit dem kleinen Knopf über den Eßtischen –, bis man in kalten Kriegswintern doch noch zusammen Platz nahm. Da stimmen jede Tonschwankung, das kleinste Stückchen Zubehör und auch die inneren Reserven und Geniertheiten der Damen gegenüber einem Lebewesen, das man nicht mehr Dienstmädchen und noch nicht wieder Perle, sondern – lustig – "Stütze" nennen sollte.