Von Armgard Seegers

Schon seit längerer Zeit reagiere ich auf ein neues Frauenbuch nicht mehr mit Neugier. Allzu schnell fühle ich mich entweder dazu aufgefordert, fröhlich untergehakt in eine bessere Zukunft mitzumarschieren, oder ich darf mir abends vor dem Einschlafen, überwältigt von viel Frauenleid, durch derart "aufbauende Lektüre" wieder Mut machen, lassen, Denn schließlich scheint es mir gegenüber den dort beschriebenen Schicksalen noch recht gut zu gehen: Ich habe keine zwei Abtreibungen hinter mir, auch keine fünf Kinder nebst einem prügelnden Mann am Hals, hatte keinen Trinker als Vater und litt auch nie unter Penisneid (schon gar nicht unter Penetration). Und doch habe ich Schwierigkeiten mit meiner männlichen Umwelt. Das fängt beim ganz banalen Hinterherrufen auf der Straße an, läuft über Frustrationen in Gesprächen mit angeblich so verständnisvollen Männern und endet unter Tätlichkeiten beim Begrabschen in der U-Bahn. Erst die Häufung dieser "alltäglichen Erniedrigung", auch daß der Gang allein ins Kino, in die Kneipe oder ins Restaurant noch immer fast ein Spießrutenlauf ist, läßt Wut darüber aufkommen, daß ich nicht so selbstverständlich leben darf wie ein Mann.

Das will ich nun aber nicht mehr lesen. Denn jede Frau, ob 15 oder 75, hat genug eigene Erfahrungen dieser Art, ohne daraus gleich Literatur machen zu wollen. Und dann kommt das Buch von –

Jutta Heinrich: "Das Geschlecht der Gedanken", Roman; Verlag Frauenoffensive, München, 1977; 131 S., 10,– DM,

und dort steht zunächst einmal nichts davon. Keine Lebenshilfe für isolierte Hausfrauen und auch keine auf alternativ getrimmte Frauenkultur muß ich mir hier zu eigen machen. Statt dessen verwirrt mich das minuziöse Abhorchen der Unter- und Zwischentöne, durch die das Verhalten von Mann und Frau so klar eingegrenzt ist. Daß es immer noch weniger die selbständige Arbeit der Frau (die sie ja vom Haushalt nicht befreit) als das verinnerlichte Rollenverhalten beider Geschlechter ist, welches die Unterdrückung der Frau bedingt, muß ich hier nicht wieder lesen.

Verbündete des Vaters

Denn Jutta Heinrich schildert. einfach Ereignisse aus dem Leben eines Mädchens, und die sprechen mit unerhörter Grausamkeit für sich. Nur verstört mich diesmal nicht die Brutalität der Eltern, sondern. die des Kindes. Das Mädchen wächst eigentlich in einer ganz normalen Familie auf. Allerdings ist es überaus sensibel. Und so merkt es bald, daß die Gleichgültigkeit des Vaters und die nicht mehr als stumme Pflichterfüllung der Mutter ihr gegenüber von ihrem Makel, als Mädchen auf die Welt gekommen zu sein, herrühren. Schon der für beide Geschlechter mögliche Name "Conni" ist ihr ein Beweis dafür.