Von Karin Kersten

In Margaret Radclyffe Halls 1928 erschienenem (und verbotenen) Roman "Quell der Einsamkeit" erkennt die untröstliche Heldin Stephen Gordon mit Hilfe von Krafft-Ebing: "Ich bin ein furchtbarer Irrtum Gottes!", oder, da Gott sich wohl nicht so furchtbar irren kann, "ein Fehltritt der Natur". Das auffälligste Merkmal dieses trübsinnigsten aller Schicksalsromane ist die Leidenswut, die er ausströmt.

Zur gleichen Zeit und früher gingen andere homosexuelle Literaten und Künstler, Mitglieder der Bloomsbury-Gruppe etwa oder des Kreises um Gertrude Stein, ja keineswegs in Sack und Asche, und der Gegensatz Stadtlesbe/Landlesbe hilft auch nicht weiter bei dem Problem, weshalb das Landedelfräulein Stephen Gordon ihr "Schicksal" immer nur trägt und trägt, denn Vita Sackville-West etwa, doch auch ein zeitgenössischer Fehltritt der Natur, ging einfach von Knowle nach London und Paris. Sicher werden, mit dem Sprung hin zur leibhaftigen Vita Sackville-West, hier zwei Ebenen vermischt, aber nicht in unzulässiger Weise, denn der "Quell der Einsamkeit" ist nun einmal autobiographisch durchtränkte Erlebnisliteratur. Und das kann man auch von Kate Milletts "Sita" sagen, allerdings sind da auch die letzten literarischen Bekleidungsstücke gefallen –

Kate Millett: "Sita", Roman, aus dem Amerikanischen von Erica Fischer; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1978; 390 S., 34,– DM.

Kate Millett sucht das Glück, wo es sie hinzieht, und was da nun zieht, auch, was Mutter wohl denkt, ist in "Flying", ihrem letzten autobiographischen Buch, recht unwirsch als Thema zugelassen worden. Es ist gewiß ein Segen, daß das sexuelle So-oder-so-Sein bei Kate Millett kein Tränental mehr öffnet, aber damit steht man noch nirgends anders als vor der genierlichen Tatsache, daß sie sich trotzdem mit einem Tränenkloß im Hals durchs Leben schlägt.

Ihre Liebe ist unglücklich. Sita, die seidige Mittfünfzigerin italienischer Abstammung, Mutter einiger doofer Kinder, Gräfin und was weiß ich noch alles, vergeht vor abwehrender Ungeduld, wenn die liebende Kate in ihrem Angesicht schweigt und harrt, aber die Liebe der beiden ist nicht von der Art, daß es rauschend bergab ginge oder gar krachte, es geht zunächst, einmal hin und her und erst dadurch allmählich auch bergab. Kate wird also von der wechselnd Eis und Feuer hauchenden Sita wieder erhört und doch nicht ganz erhört, oder jedenfalls nicht wie einst, und nun geht es halb krauchend, halb stürzend auf der schiefen Bahn der Quälsucht dem Ende zu: ein vertratschtes Stück Neue Larmoyanz.

Was hat es zu bedeuten, daß diese halb zu Tode studierte, in unendlichen Variationen literarisierte westliche Liebesfigur, die die Herzensergießungen der verschiedenen Romantiker beherrscht hat, jetzt in einer Schnulze von Kate Millett wiederkehrt? Was scheren mich Schnulzen – aber ich wüßte doch gern, wo die "Figur" Kate Millett, wo die Kate Millett von "Sexus und Herrschaft" (deutsche Ausgabe 1972) und vor allem die von "Flying" (1974) geblieben ist. "Flying" ist ein spannendes, bewegtes und zerfahrenes Buch. Es berichtet von der Kate Millett, die jahrelang eine "fliegende" Ausnahmeerscheinung der jüngsten Etappe der amerikanischen Frauenbewegung, eine plötzlich vom Strudel öffentlicher Präsentation und Repräsentation erfaßte Berühmtheit war, populär zwar, aber auch entsprechend angefeindet und bald Zielscheibe aller möglicher Gruppen und Grüppchen. Von dieser politisch und privat turbulenten Lebensepoche zwischen Meetings, Aktionen, Gruppierungen und Sexfronten handelt "Flying", und ich frage mich, welches Verlagshaus sich da wieder auf die Rechte für die deutsche Übersetzung gesetzt hat. Mancher Frauenverlag hätte das Buch sicher gern herausgebracht.