Mehr Devisen verdient, aber der Anteil am Welttourismus wird kleiner

Die Marktforscher sind sich einig: Das große Geschäft Welttourismus hat noch kaum begonnen. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts, so lautet die Prognose, wird die Branche einen Jahresumsatz von 200 Milliarden Dollar erreichen. Gegenwärtig sind es "nur" fünfzig.

Ein Land allerdings, das bis in die sechziger Jahre hinein den größten Anteil am internationalen Urlaubergeschäft hatte, befürchtet ernsthaft, daß sein Anteil an diesem Kuchen, der von den Deviseneinnahmen seinen guten Geschmack bezieht, immer kleiner wird: Italien. Und das, obwohl ausländische Touristen in diesem Jahr voraussichtlich 5000 Milliarden Lire bringen werden – zwölf Milliarden Mark. Mit einer Zuwachsrate von zwanzig Prozent gegenüber dem Vorjahr könnte das Land schon zufrieden sein, wenn eben nicht die Lira fast im gleichen Maße an Wert verloren hätte. Italien geht es da beinahe so wie dem Hasen, der im Wettrennen mit dem Igel den kürzeren zog. Die Abwertung der Lira macht den Urlaubsaufenthalt in Italien für Auslandsreisende mit harter Währung vorübergehend billig. Herr Schulze braucht für seinen Urlaub an der Adria nicht mehr deutsche Mark umzutauschen als im Vorjahr, und in Lire ergibt es dennoch einen größeren Betrag. Aber die höhere italienische Inflationsrate sorgt ziemlich rasch wieder für einen Ausgleich und die Lira reagiert mit erneuter Abwertung auf diese Verteuerung.

Freilich werden auch Pessimisten zugeben müssen, daß Italien im vergangenen Jahr mit einer Verdoppelung des Überschusses in der Touristen-Devisenbilanz trotz der Lira-Abwertung glänzend abgeschnitten hat. In der internationalen Statistik rückte es mit 3,9 Milliarden Dollar sogar wieder vom vierten Platz auf den ersten vor, denn der jahrelange Favorit Spanien war auf 3,5 Milliarden Dollar zurückgefallen. Bei näherem Hinsehen ist dieser Erfolg allerdings vornehmlich dem währungstechnischen Geschick der römischen Notenbank gutzuschreiben. Denn Notenbankpräsident Paolo Baffi hatte die Lira-Kurse so klug manövriert, daß der Umtausch von Devisen auf dem schwarzen Markt niemandem mehr einen spürbaren materiellen Vorteil brachte. Im Gegenteil, die Beteiligten mußten nach den verschärften Devisengesetzen mit hohen Strafen rechnen. Deshalb floß im Gegensatz zu den Vorjahren 1977 die Masse der Devisen wieder über die offiziellen Kanäle: Die Urlauber tauschten bei den Banken und nicht beim Hotelportier um.

Aber wie man es; auch dreht und wendet: Italiens Anteil am Weltauslandstourismus ist von 24,9 Prozent im Jahre 1963 auf 16,1 Prozent im vergangenen Jahr zurückgegangen. Was Fremdenverkehrsminister Carlo Pastorini, aber auch die regionalen Behörden mit Unruhe beobachten, ist insbesondere die Qualitätsverschiebung in der Nachfrage. Zwar blüht nach wie vor der Massentourismus an der Adria und in Südtirol; die Dolomiten und der Sandstrand sind die beliebtesten Ziele geblieben. Dazu entdecken die Camper jetzt den Süden des Landes. Aber gleichzeitig klagen Hotelreisende über mangelhafte Strukturen in den Entwicklungsgebieten. Und vor allem: Die besonders zahlungskräftigen Gäste, die früher als "Bildungs- und Vergnügungsreisende" bezeichnet wurden, lassen immer mehr Venedig und die Riviera, Neapel, Rom und Florenz im Stich. So verzeichnete Rom im ersten Halbjahr 15,9 Prozent weniger ausländische Besucher. Nach Florenz kamen in den Hauptreisemonaten Juni und Juli 9,6 Prozent, nach Venedig drei Prozent weniger.

Schrecken die häufigen Attentate in den Großstädten und die Bestreikung der Verkehrsmittel den Einzelreisenden? Verjagen die Anschläge auf deutsche Autos und Busse die Liebhaber der Blumenriviera? Sind absurde Öffnungszeiten der Museen daran schuld, daß die Kunstfreunde tausend Kilometer Anmarschweg scheuen, um vor verschlossenem Tor zu stehen, während es dem eiligen Pauschalreisenden schon weniger ausmacht, wenn sein Reiseleiter einige Baedeker-Sternchen überschlägt?

Gerade mit seinen großen Kulturschätzen will Italien in Zukunft besonders um die Gunst der Fremden werben, weil blaues Meer, Sonne und Berge anderswo vielleicht noch blauer, noch strahlender noch ursprünglicher zu haben sind. Aber im Urlaubsgeschäft genügt es nicht, daß jemand etwas Besonderes hat. Er muß auch verstehen, es herzuzeigen. Friedhelm Gröteke