Von Heinz Josef Herbort

Wenn er das Podium betritt, wie unlängst, als er mit "seinem" Chicago Symphony Orchestra durch Deutschland reiste, ist er noch der alte: kurze, zögernde Schritte. Dann, vorn angekommen: ein langer Blick ins Publikum, den Taktstock, als wüchse der aus den Händen hoch, diagonal vor der Brust, kurze, beinahe eckige Verbeugung, fast eilig wirkende Drehung, kurzes Verharren, leicht geneigter Kopf, etwas abruptes Heben des Stabes, als wollte er sagen: Kinder, nun macht schon – Einsatz.

Als er dann Mozart spielte, dachte man: seitsam. So einfach, aber auch einfach so. Etwas hurtig. Eine Nummer zu unbeteiligt, nüchtern, kühl. So richtig richtig. Aber eben nicht aufregend.

Dann Mahler, die Erste. Kein Stück, das noch zu entdecken wäre. Aber eins, das Sir Georg Solti in einer Kassette vorlegte, die – für mich – bislang immer noch das enthält, woran jeder andere Mahler-Interpret zu messen ist. Auch Solti selber. Und an diesem Abend mußte er vor sich selber, vor. seiner Interpretation ehrerbietig den Hut ziehen.

Soltis Mahler – das ist in der Kassette das Optimum einer Verschmelzung von impulsiver, spontaner Dramatik und klug gesteuerter, wacher, fast logisch pointierter Entwicklung der Strukturen. Form also und Inhalt. An jenem Abend schien das eine wie das andere reduziert. Gilt das allgemeiner?

Nicht erst seit gestern weiß man, daß Sir Georg Solti offenbar von der Studio-Atmosphäre eines Aufnahmesaals besonders inspiriert wird, daß er. hier noch stärker als in Live-Konzerten eine souveräne Sachlichkeit, eine Kompetenz entwickelt, während andere Dirigenten allein vor dem Mikrophon und ohne die stumme Animation eines Publikums wie gelähmt erscheinen.

Und so haben denn auch die letzten Platten Georg Soltis weit weniger von dieser ein bißchen verflachenden Routine, wie sie – vielleicht auf einer Tournee nach einiger Zeit notwendigerweise – bei den jüngsten Gastspielen deutlich wurde.