Ob Spanien die Vermittlerrolle zwischen den verfeindeten nordafrikanischen Nachbarländern übernehmen kann, ist ungewiß. Marokko und Algerien stellen Gebietsforderungen an den Schlichter.

Spaniens Ministerpräsident Adolfo Suárez muß gegenwärtig beweisen, ob er auch außenpolitisch über jene Geschicklichkeit verfügt, die ihm bei der Bewältigung innenpolitischer Probleme nachgerühmt wird.

Mitten in den Vorbereitungen für zwei sorgsam eingefädelte Staatsbesuche in Algier und Rabat wurde die spanische Regierung aus Washington mit der Meldung überrascht, daß sich der marokkanische Außenminister Bucetta bei einem Vortrag in den USA für Territorialforderungen Marokkos stark gemacht habe. "Marokko hat seine territoriale Einheit noch nicht erreicht, weil die marokkanischen Städte Ceuta und Melilla sowie einige kleine Inseln an der Mittelmeerküste Marokkos noch nicht zurückgeholt sind", sagte der marokkanische Außenminister und attackierte ungewöhnlich heftig den "spanischen Kolonialismus", der die Wiedererreichung der territorialen Integrität Marokkos verhindere.

Diese Attacke hat in Spanien nicht nur zu scharfen Protestnoten des Außenministeriums, sondern auch zu einer vehementen Aufwallung patriotische nationalistischer Gefühle geführt. "Spanien wird im Hinblick auf seine territoriale Integrität keinerlei Konzessionen machen", sagte König Juan Carlos bei einem Festbankett zu Ehren des sudanesischen Staatspräsidenten Numeiri.

Dennoch ist unter den Einwohnern der beiden Enklaven die Furcht noch lebendig, daß es erneut zu einem "grünen Marsch" der Marokkaner und zu einer endgültigen Preisgabe der beiden Ortschaften kommen könne. "Ceuties" und "Melillenses", wie sich die Enklavebewohner nennen, erinnern sich noch gut an: das Jahr 1975, als Marokkos König Hassan seine Landsleute auf die spanische Afrikabesitzung El Aiun marschieren ließ – und an die Haltung des todkranken Franco, der seine Wüstenkolonie sehr rasch preisgegeben hat.

Der plötzlich aufgeflammte Streit um Ceuta und Melilla wird in Madrid auf die zaghafte Annäherung der spanischen Regierung an Algerien zurückgeführt, die sich in Zugeständnissen gegenüber der Sahara-Befreiungsfront Polisario äußert. Ministerpräsident Adolfo Suárez schrieb sich im Konflikt zwischei Algerien und Marokko eine Vermittlerrolle zu und ließ wissen, daß Spanien Verhandlungen zwischen den direkt am Saharakonflikt beteiligten Staaten unterstütze. Im diplomatischen Dreieck Madrid, Rabat und Algier muß die spanische Exekutive jedoch auf zahlreiche Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen. Denn Marokkos Ministerpräsident Osman hat auch gegenüber der Regierung in Algier demonstrativ erklärt, daß Rabat "keinen Millimeter marokkanischen Bodens" in der ehemals Spanischen Sahara aufgeben werde.

Es gehört zu den ironischen Begleiterscheinungen dieses Konflikts, daß auch Algerien die spanische Regierung immer wieder mit Territorialforderungen konfrontiert. Erst im Frühjahr hat der spanische Regierungschef den Bewohnern der Kanaren bei einer mehrtägigen Rundreise klarmachen müssen, daß sich Spanien trotz einer Klimaverbesserung im Verhältnis zu Algier mit einer "Entkolonialisierung der Kanarischen Inseln" niemals abfinden werde.

Volker Mauersberger (Madrid) –