Welch sinnliches Vergnügen das ganz und gar politische Bilderbuch bereiten kann, zeigt Spötter Leo Leonhard brillant in Schwarz-Weiß –

"Der Prozeß um des Esels Schatten", Wielands abderitische Komödie gezeichnet und erzählt von Leo Leonhard, mit einem Nachwort von Hans J. Schütz; Anrich Verlag, Modautal-Neunkirchen; 80 S., 29,00 DM.

Auch Christoph Martin Wieland, vielleicht der beißendste, gleichzeitig humanste und intelligenteste Analytiker spießiger Scheinbürgerlichkeit (denn Bürgerlichkeit ist etwas Positives), bediente sich der Verkleidung, der Tarnung, der Maske. Allerdings hatte Wieland in Zeiten politischklerikaler Pression handfeste Gründe dafür. Hans J. Schütz zitiert in seinem klugen Nachwort Goethe, der 1813 dem Aufklärer gegen obrigkeitshöriges Spießertum eine Gedenkrede hielt: "Er lehnt sich auf gegen alles, was wir unter dem Wort Philisterei zu begreifen gewohnt sind, gegen stockende Pedanterie, kleinstädtisches Wesen, kümmerliche äußere Sitte, beschränkte Kritik, falsche. Sprödigkeit, anmaßliche Würde und wie diese Ungeister, deren Name Legion ist, nur alle zu bezeichnen sein mögen..." Was für ein Abenteuer könnte es sein, wenn Eltern und Kinder gemeinsam an diesen Texten und Bildern entdeckten, daß die Dummheit der Bewohner jener antiken thrakischen Stadt Abdera – Schütz nennt sie "Schildbürger des Altertums" – ihre Aktualität nicht nur in Wielands Zeit, sondern auch in unseren Tagen bewahrt hat. Die Attribute der Unvernunft haben sich allenfalls umgefärbt, keinesfalls aber im Wesen verändert. Leo Leonhard erzählt Wielands satirische Geschichte nach, jene Parabel, die vom Prozeß um des Esels Schatten, also vom Lächerlichen, handelt. Wenn die Unbelehrbaren regieren, hat der Witz es schwer. Die Abderiten spielen die Parodien ihrer selbst, ohne es zu merken, und das hat Parallelitäten, die einem den Atem verschlagen. Leo Leonhards Zeichnungen sind jenseits der Karikatur zu Hause, sie machen betroffen in ihrer Genauigkeit; obwohl sie unheimlich sind, muten sie seltsam vertraut an: Kennen wir diese Typen nicht? Stellen sie nicht diesen oder jenen dar? Da ist ein Faltenwurf, der von Dürer stammen könnte, da schnieft eine Daumier-Nase, da ist ein Gesicht, das aus der Bildzeitung zu grinsen scheint. Und auf der Doppelseite, wo die aufgegeilte Menge den Esel metzelt, ist die Darstellung einer pervertierten Dürer-Bibel perfekt. Aber die böse Posse geht weiter: curriculum vitae. Zum Buchschluß der Esel auf dem Denkmalssockel. Hier sind Lesearbeit und Lese- und Sehvergnügen zur Einheit geworden. Daran ist auch Claudius Posch beteiligt, der das Layout besorgte. Dies ist ein gutes Bilderbuch.

J. P.

Freilich, nicht im herkömmlichen und vertrauten Sinn. Man braucht Zeit zum Sehen und Lesen und Durchschauen. Das Gleichnis vom unschuldigen Esel, der herhalten muß, damit die bösen Dummen ein Ventil für die Lust an der Gewalttätigkeit finden, ist so leicht verdaulich nicht. Das Völkchen hat sein Opfer gefunden, und eigentlich war’s ja auch nur ein Irrtum. Ruhe kehrt ein. Kennen wir das nicht?