Richard Nixon: Bilanz eines Lebens

Von Dieter Buhl

Ein wenig umweht ihn die Tragik des Fliegenden Holländers. Welchem Land sich Richard Nixon auch zuwendet, wo immer er den lang entbehrten Hauch der großen Politik wieder einmal atmen möchte, überall stößt er auf Ablehnung. Indonesien, Thailand, Singapur, die Philippinen und Australien haben ihm die kalte Schulter gezeigt. Während sich in seinem kalifornischen Exil die Einladungen zu öffentlichen Auftritten in Amerika zu stapeln beginnen, während er schon wieder vor die Presse tritt und ihm 10 000 Mark für eine Rede geboten werden, will die Welt noch immer nichts von Richard Nixon wissen. Liegt es vielleicht daran, daß sie seine Memoiren noch nicht gelesen hat?

"Zeig mir einen guten Verlierer", hat ihm sein Football-Coach in College-Tagen eingebleut, "und ich zeig Dir den geborenen eingebleut, Diese Bolzer-Weisheit war Richard Nixon ein Leben lang Leitmotiv. Verlieren konnte er nie, schon gar nicht mit Stil. Deshalb wird er sich auch durch die peinlichen Zurückweisungen seiner Besuchsabsichten nicht beirren lassen, und, wenn er in Südostasien oder auf dem fünften Kontinent nicht willkommen ist, einen anderen Kontinent für seine weltpolitische Wiedergeburt suchen. Finden wird er schon einen. Und sein im Sommer erschienenes Buch wird ihm dabei helfen, denn es ist neben der Bilanz einer politischen Karriere auch das größte Reinwaschmittel, seit es Omo gibt.

Dennoch verdient "RN – Die Memoiren Richard Nixons" (Grosset & Dunlap, New York) ernster genommen zu werden, als es die führenden amerikanischen Zeitungen über sich brachten. Auch Einäugigkeit und Schönfärberei des Autors sollten nicht vergessen lassen, daß kein lebender Weltpolitiker länger Geschichte gemacht hat als Richard Nixon. Über ein Vierteljahrhundert stand er im Rampenlicht – als prominenter Kommunistenjäger, als Vizepräsident, als Weltreisender im politischen Wartestand, als 37. Präsident der Vereinigten Staaten und zum Schluß als Machiavelli auf amerikanisch. Den faszinierenden Stoff eines solchen Lebewesens kann selbst ein staubtrockener Autor wie Nixon nicht zuschanden schreiben. So enthüllt sein Buch, wenn schon nicht die letzte historische Wahrheit, so doch zumindest das konturenreiche Selbstbildnis eines politischen Fighters.

Die Memoiren beginnen, wie so viele Lebensgeschichten amerikanischer Selfmademänner, mit der Erinnerung an Armut, Entbehrung und ungeheuren Ehrgeiz. "Ich wurde in dem Hause geboren, das mein Vater gebaut hatte." Yorba Linda, der armselige Flecken in Kalifornien, der Junge, der nachts sehnsüchtig dem fernen Tuten der Eisenbahn lauscht, die Eltern fleißig und gottesfürchtig, aber von Krankheiten und beruflichen Mißerfolgen gebeutelt – wie oft lassen sich ähnliche Startbedingungen in den Biographien erfolgreicher Amerikaner nachlesen. Meistens sind sie blutvoller beschrieben. Dennoch dürften die mageren Jugendjahre in den Erinnerungen des Präsidenten nicht fehlen, denn sie erklären den eisernen Willen und die Stoßkraft, mit der sich Richard Nixon bis nach ganz oben – und schließlich in den Abgrund boxte.

Schon in seiner ersten politischen Kampagne offenbarte er den gnadenlosen Vernichtungsdrang, der ihm zu manchem Sieg verhalf, der ihm aber auch vom Anfang seiner Karriere an in den Geruch eines Finsterlings brachte. Nixon begründete 1946 bei seiner Kampagne um einen Sitz im Repräsentantenhaus seinen Ruf als einen denloser Kommunistenjäger. Als Mitglied des "Kongreßausschusses für unamerikanische Aktivitäten" und Wortführer gegen den kommunistischer Umtriebe angeklagten Ex-Diplomaten Alger Hiss konnte er nach dem Wahlsieg seine Fighterinstinkte spielen lassen. Heute erinnert Nixon daran, daß sich die amerikanischen "Ansichten über den Kommunismus... ... in den ersten Nachkriegsjahren völlig wandelten". Mit dem Fall Hiss erwachte die antikommunistische Hysterie in den Vereinigten Staaten zu einem politischen Ungeheuer. Nixon beklagt, daß "die neue Bewußtseinshaltung unglücklicherweise zu emotionalen Exzessen und demagogischen Übertreibungen führte ..." Aber er übersieht, wie groß sein Anteil an dem Gegeifer war.