Niemand weiß, wie sie heißen. Statt eines Namens steht auf den abblätternden Emailletäfelchen an ihren Pforten nur "Concierge". An der Nebentür das gleiche Schild mit der Aufschrift "Mülltonnen". Die Conciergen gehören eben zum Inventar der großen Pariser Wohnhäuser, und ihr schlechter Ruf hat Jahrhunderte überdauert.

Als in Frankreich noch öffentlich die Köpfe rollten, brachten sie, von der Polizei in ein ausgeklügeltes Spitzelnetz perfekt integriert, so manchen armen Mieter mit losem Mundwerk unter die Guillotine. Heute informieren sie gelegentlich den Fiskus über den Lebensstandard der Herrschaften, für die sie putzen und nähen, Kinder hüten und die Post bringen. Sie werden als Hausdrachen mit Haaren auf den Zähnen geschildert, die mit Argusaugen hinter verstaubtem Plastikasparagus das Privatleben der Mieter ausspähen. "Quelle Concierge", das bedeutet in der Umgangssprache "was für eine Klatschbase". – Das Klischee von der Concierge als Witzfigur trübt den Blick der Franzosen in die finsteren Logen, wo im Paris des Jahres 1978 nicht selten Greisinnen am Rande des Existenzminimums dahinvegetieren.

Madame Hargon ist 86. Seit 16 Jahren haust sie in einem Zimmer mit Kochplatte und Waschbecken im 17. Stadtbezirk. Die Toiletten sind in den Zwischenetagen des Treppenhauses mit sechs Stockwerken, das sie zweimal in der Woche putzen sollte. Weil Madame Hargon Wasser in den Beinen hat, schafft sie das nicht mehr so oft und so gründlich, wie vom Hausbesitzer gewünscht. Auch die Mülltonnen, die jeden Morgen um fünf Uhr vor die Tür geschafft werden müssen, sind zu schwer für die kleine, gebückt gehende Alte. Anstatt den Mietern zweimal täglich die Post nachzutragen, klopft sie nur noch ans Logenfenster, wenn einer vorbeigeht, und gibt ihm die Briefe.

Unzufrieden mit diesen Diensten kündigte ihr der Wohnungsbesitzer mit dreimonatiger Frist. Als sie nicht ging, beantragte er die Zwangsausweisung. Madame Hargon wußte nicht, wohin. Deshalb wandte sie sich zum erstenmal in ihrem Leben an die Conciergen-Gewerkschaft "Syndicat National Independant des Gardiens d’Immeubles et Concierges" (SNIGIC). Dabei stellte sich heraus, daß die Frau vom Hauseigentümer in all den Jahren außer der freien "Wohnung" keinerlei Gehalt bezog. Sie ist auf die Trinkgelder der Mieter angewiesen. Mit der staatlichen Mindestrente kann sie sich weder eine Wohnung geschweige denn ein Altersheim leisten. Würde sie ernsthaft krank werden, bekäme sie von der Versicherung einen Tagessatz von 4,53 Francs. Die Gewerkschaft erreichte einen sechsmonatigen Aufschub des Räumungsbefehls.

Ein Fall von Hunderten. Von den 60 000 Pariser Conciergen – drei Viertel davon sind Frauen – verdienen laut SNIGIC-Vizepräsident Jacques Simakis 80 Prozent zwischen 300 und 700 Francs im Monat (150 bis 350 Mark). Damit liegen sie weit unter der Hälfte des staatlich garantierten Mindesteinkommens, das zur Zeit bei 1926 Francs liegt.

Der Lohn der Concierge richtet sich nach der ihr zur Verfügung stehenden Wohnfläche und der Größe der zu putzenden Treppenhäuser, Fenster und Gemeinschafts-WCs. Die Gewerkschaft hat eigens einen Mann beschäftigt, der den ganzen Tag nichts anderes tut, als diese Flächen zu messen und die Tarife mit Hilfe eines komplizierten Multiplikationsschemas auszurechnen. Nebenbei fand er heraus, daß die Durchschnittsconcierge jährlich 689 Tonnen Müll schleppt und 7800 Stockwerke erklettert.

Viele Hausbesitzer verlangen durchgehende Anwesenheit von Montag bis Samstag, so daß Nebenjobs nur in Form von häuslichen Näharbeiten möglich sind. Nicht selten wird die Concierge auch noch nachts aus dem Bett geklingelt, weil ein Hausbewohner seinen Schlüssel nicht findet. Bis 1957 war sie sogar verpflichtet, Tag und Nacht jedermann das Tor aufzusperren, der am "cordon", einer Art Klingelschnur, zog.