Es ist Feierabend. Ich mache mich auf den Heimweg. Über die geographische Lage der Straßen, Plätze und Bahnhöfe, die ich passieren muß, habe ich ein klares, schematisches Bild im Kopf. Auf der Straße beginne ich, mit dem weißen Langstock vor mir im Schrittrhythmus über den Boden zu pendeln. So erfasse ich bodennahe Hindernisse, finde Stufen und Kantsteine und prüfe die Bodenbeschaffenheit. Ein Plattenweg in Sand oder Kies kann mir richtungweisende Hilfe sein.

Am 15. Oktober war der "Tag des weißen Stocks". Immer mehr Blinde bevölkern als alleingehende Fußgänger die Straßen unserer Städte. Das nötige Rüstzeug, etwa die Langstock-Technik, erwerben wir Blinden in der Mehrzahl durch ein sogenanntes Mobilitätstraining. Das ist eine gezielte Schulung der Restsinne und eine Ausbildung in der Langstock-Technik, die nicht umsonst zu haben ist! Sie kostet im Durchschnitt 25 Mark pro Stunde. Und zwischen 50 und 80 Stunden braucht ein Blinder, um mit dem Langstock zurechtzukommen. Es ist immer noch nicht geklärt, ob die Krankenkassen die Kosten des Mobilitätstrainings mit dem Langstock tragen oder ob der Blinde dies selbst bezahlen muß. In meinem Fall blieben die Kosten an mir hängen. Die Kasse bezahlte nichts.

Um mein Ziel, zu finden, muß ich stets wissen, wo ich mich befinde. Mit durchschnittlicher Hörfähigkeit ausgestattet, habe ich gelernt, die für meine Orientierung nützlichen Signale aus störendem Lärm herauszuhören, richtig zu deuten. Ebenso wichtig ist die sichere Bestimmung von Richtung und Entfernung. Ja, sogar die Resonanz von Geräuschen, auch von solchen, die ich mit meinem Stock selbst erzeuge, geben mir Aufschluß über meinen Standort.

Der weiße Stock ist als gesetzliches Verkehrsschutzzeichen für Blinde anerkannt. Nicht das ewige Dunkel, wohl aber die Isolation kann damit durchbrochen werden. Die neu gewonnene Mobilität erlaubt uns Blinden, ein aktiveres Leben zu führen und neue Akzente für unser Leben zu setzen. Mit dem Langstock können wir uns mit der gebotenen Aufmerksamkeit und Vorsicht selbst im Großstadtverkehr zurechtfinden. Gewiß, dazu gehört Mut und ein hohes Maß an Konzentration. Aber die Bewältigung dieser Wege gibt auch Kraft und Selbstvertrauen.

Fast alles, woran ich mich stoßen oder worüber ich fallen könnte, erfasse ich mit dem Langstock und kann es umgehen. Stehen aber Menschen auf dem Weg und mir bleibt offensichtlich nur ein schmaler Durchgang, wäre es mir peinlich, die genaue Durchschlupfbreite mit dem Stock zu ertasten. Ein Schritt zur Seite und ein munterer Zuruf, der mir dies kundtut, könnte das Problem lösen.

Bei meinen Gängen durch die Stadt erfahre ich viel Hilfsbereitschaft. Doch kaum jemand weiß, was mir leicht- oder was mir schwerfällt. Eine Tür zu öffnen, wenn ich die Klinke in der Hand halte, oder eine Treppe zu nehmen, wenn ich ihren Anfang gefunden habe, ist mir ein Leichtes.

Da ist das Erkennen der Fußgänger-Grünphase an einer Straßenkreuzung allein nach den Verkehrsgeräuschen, das Finden des richtigen Autobusses schon wesentlich schwieriger. Zumal, wenn meine "Witterung" durch Sturm und Regen beeinträchtigt wird. Man müßte darüber reden können. Doch dazu fehlt meistens die Zeit. Denn die Orientierung fordert meine ganze Aufmerksamkeit.

Wer einem Blinden Hilfe geben kann, ohne ihm durch falsches Mitleid sein Selbstvertrauen zu nehmen, wird in ihm sehr bald den Mitmenschen entdecken, der durchaus seinen Platz in der Gesellschaft hat. Karl Busenbender