Von Erhard Wiersing

In unsicheren Zeiten – und wann hätten wir die gerade nicht? – bedürfen Individuen und Völker des großen Sündenbocks und des großen Retters. Beide Rollen zugleich hatte bis vor kurzem in unserem neuaufgeklärten Bewußtsein die Gesellschaft zu spielen. Heute – zehn Jahre nach ihrer stürmischen Inthronisation – traut ihr im Guten wie im Bösen diese Rolle keiner mehr so recht zu. Wer tritt an ihre Stelle? Wer füllt das psychische Vakuum aus?

Arthur Koestler gibt uns in seinem neuesten Buch eine griffige Antwort: Als Sündenbock macht er – ironischerweise im 200. Todesjahr Rousseaus – die "Natur des Menschen" aus und die Rettung erhofft er sich von einer unbeschränkten "Herrschaft der Vernunft". Nun sind diese Ansichten nicht neu. Sie gewinnen aber in der heutigen, nach Neuorientierung heischenden Situation und durch neue Argumente einen ganz anderen Stellenwert. Dennoch scheinen sie mir wenig geeignet, uns bei unseren heutigen Problemen zu helfen.

Arthur Koestler: Der Mensch – Irrläufer der Evolution. Scherz Verlag, Bern und München, 1978; 376 S., 34,00 DM.

Dabei ist Koestlers Lagebeurteilung zunächst unstrittig: Das militärische Vernichtungspotential, die Bevölkerungsexplosion, die ökonomischen Ungleichgewichte, die ideologischen und nationalen Gegensätze und die zum Teil nicht wieder gutzumachenden Eingriffe des Menschen in die Kreisläufe der Natur machen eine globale Katastrophe wahrscheinlich. Am Ende könnte in der Tat, wie Koestler schreibt, "die Umwandlung des Raumschiffes Erde in einen Fliegenden Holländer (stehen), der mit seiner toten Besatzung im Sternenmeer treiben würde".

Was zwingt uns zu dieser düsteren Zukunftsvision? Arthur Koestlers Antwort: die Natur des Menschen. In der uns durch die natürliche Evolution auf den Weg gegebenen biologischen Ausstattung ticke die gegebenen zu unserem baldigen Untergang. Während wir bislang noch wähnen konnten, die Gefahr lediglich in Einzelpersonen (in Despoten wie Hitler und Stalin), in einzelnen Ideologien lokalisieren und durch geeignete Politik bannen zu können, so bliebe uns jetzt nach den neuesten biologischen Einsichten nur die resignative Erkenntnis, daß unserer Spezies wegen eines irreparabel einprogrammierten, selbstzerstörerischen Aggressionspotentials längst das Todesurteil gesprochen ist.

Ich teile diese These nicht. Ich meine vielmehr, daß hier der kluge Kultur- und jetzt auch Naturkritiker Koestler bei seinem Ausflug in die Evolutionstheorie und den aus ihr gezogenen Konsequenzen für unsere Überlebensprobleme gründlich irrt, daß darüber hinaus seine Vorschläge zur Korrektur der Natur des Menschen gefährlich und beängstigend sind und daß schließlich, wenn überhaupt eine Hoffnung besteht, diese noch am ehesten aus unserer biologischen Natur abgeleitet werden kann.