/ Von Peter Jennrich

Eine uralte Faszination, als wär’s ein Erbe seiner Evolution, ist der Glaube des Menschen an Mischformen des Lebens. So lebte die Chimäre, teils Löwe, teils Ziege und Schlange in einem, als ein zwitterhaftes Wesen in der Vorstellung der Griechen, als Ch’i-lin, ein Hirsch, übersät mit schimmernden Schuppen, in der Phantasie der Chinesen.

Tatsächlich kreiert die Evolution keine Bestiarien. Von Mutationen abgesehen, jenen sprunghaften Veränderungen des Erbgutes, werden die Charakteristika jeder Spezies über Generationen und Jahrtausende hinweg vererbt, wird ihre genetische Einzigartigkeit konstant bewahrt und überdies von "Restriktions-Endonucleasen" genannten Enzymen gegen fremdes Genmaterial bis hin zur Individualität der eigenen Gene geschützt (Enzyme sind organische Verbindungen, die den Stoffwechsel des Organismus steuern).

Für die Entdeckung und Anwendung eben dieser im Zellkern wirksamen Nucleasen, von denen heute drei Klassen mit mehreren hundert Enzymen bekannt sind, hat das Karolinska-Institut in Stockholm den diesjährigen Nobelpreis für Medizin zu gleichen Teilen an den Schweizer Werner Arber sowie die beiden Amerikaner Daniel Nathans und Hamilton Smith verliehen. Die von den Preisträgern erarbeiteten Grundlagen, faßt die Würdigung des Komitees zusammen, ebnet "neue Wege für die Lösung grundlegender Probleme in der Entwicklungsbiologie. Das erweiterte Wissen auf diesem Gebiet kann in der Medizin bei der Vorbeugung und Behandlung von Mißbildungen, Erbkrankheiten und Krebs äußerst hilfreich sein".

Zwar ist es mit der avisierten Gen-chirurgischen Korrektur defekter Erbanlagen oder fehlgelenkter zellulärer Informationsprozesse im Krebsgeschehen noch eine lange Weile hin. Gleichwohl dürfte mit den entdeckten natürlichen "physiologischen Skalpellen" die – wie Pessimisten sagen – "Zeit der Unschuld" in der Molekularbiologie unwiderbringlich dahin sein, mit ihr aber auch die Ära molekularbiologischer Hypothesen. Die biologischen Wissenschaften haben in wenigen Jahrzehnten den Grundriß des Jahrmilliarden alten Gebäudes Leben nachgezeichnet.

Als Thomas Morgan 1933 den Medizin-Nobelpreis für Experimente bekam, mit denen er die These vom Gen als Träger der Erbinformation in den Chromosomen absicherte, war noch ungewiß, woraus Gene bestehen und wie sie Funktionen der Zelle dirigleren. Acht Jahre später, bewiesen die Laureaten von 1958, George Beadle, Edward Tatum und Joshua Lederberg, daß jeweils ein Gen die Synthese eines bestimmten Zellproteins lenkt.

Im Sommer 1944 "schlug Averys Bombe ein", wie James Watson, Nobelpreisträger des Jahres 1962, es ausdrückte. Die "Bombe" war der Nachweis, daß die Erbinformationen von der Desoxyribonucleinsäure (international DNA abgekürzt) gespeichert werden. Abermals neun Jahre später etablierte sich die moderne Molekularbiologie, zunächst wiederum mit einer Theorie: Die DNA, so erklärten der britische Physiker Francis Crick und der amerikanische Biologe James Watson, bestehe aus zwei parallel aneinandergelagerten und zur Doppelhelix verdrehten Einzelsträngen.