Die rehabilitierten Opfer der Großen Kulturrevolution fordern Sühne

Von Karl-Heinz Janßen

Es geschah in den ersten Wochen nach Maos Tod und dem Sturz der sogenannten Viererbande, daß sich der verfemte chinesische Parteiveteran Teng Hsiao-ping, bekannt für seine vorlaute Zunge, in Kanton, wo ein Kriegskamerad schützend die Hand über ihn gehalten hatte, fröhlich winkend aus einem Restaurant trat und verdutzten Passanten zurief: "Immer fortfahren mit dem Kampf zur Kritik an Teng Hsiao-ping!" Sollte diese Anekdote ihren Weg ins Politbüro gefunden haben, so hat dort mindestens einer die Aufforderung wörtlich genommen: der Pekinger Oberbürgermeister Wu Teh. Er fuhr tatsächlich fort, den einstigen Vizepremier und engsten Mitarbeiter Tschou En-lais öffentlich zu verleumden, als sich der neue Vorsitzende Hua Kuo-feng und andere Führer längst in Schweigen hüllten. Vorige Woche hat ihn die Rache des kleinen Mannes aus Szetschuan erreicht: Der 65 Jahre alte Wu Teh, einer der obersten Nutznießer der Kulturrevolution vor zehn Jahren, verlor seinen Posten.

Wen trifft es noch

Noch vor einem Jahr genierte sich der erste Vorsitzende Hua nicht, Seite an Seite mit dem Oberbürgermeister eine Hühnerfarm in der Hauptstadt zu besuchen. Die plötzliche Amtsenthebung läßt nur den Schluß zu, daß Hua ihn nicht länger beschützen mochte – entweder weil er sich gegen den Druck Teng Hsiao-pings, der sich zusehends als Macher des neuen Kurses in den Vordergrund spielt, nicht mehr stark genug fühlte oder weil es ihm nicht mehr opportun erschien. Sind jetzt auch andere Spitzenfunktionäre gefährdet, die, gleich Wu Teh, lange Zeit mit den Radikalen um Maos Frau zusammenarbeiteten und auf Kosten Tengs und seiner Freunde Karriere machten? Schon heißt es, auch der ranghöchste kommandierende General, Vizepremier Tschen Hsi-lien, sei als Befehlshaber des Pekinger Militärbezirks abgesetzt worden. Zwar haben beide ihre Sitze im Politbüro behalten, können also weiterhin ihre Stimmen für den Vorsitzenden Hua in die Waagschale werfen, aber diese haben künftig weniger Gewicht.

Personalveränderungen in der Hauptstadt, im Bannkreis der Macht, sind Signale, die niemand ignorieren kann. Immerhin war Wu Teh im Sommer 1976, als Mao im Sterben lag, sogar provisorisches Staatsoberhaupt. Man erinnert sich noch gut daran, daß Mao Tse-tung und die Schanghaier Kulturrevolutionäre, als sie darangingen, den Parteiapparat aus den Angeln zu heben, ihren ersten Schlag gegen den damaligen Oberbürgermeister Peng Tschen führten. Er war das erste prominente Opfer der Kulturrevolution (inzwischen soll der jetzt 75jährige rehabilitiert sein und ein Amt in der Provinz bekleiden – auf seinen alten Posten durfte er freilich nicht zurückkehren). Bahnt sich jetzt, so fragen sich China-Experten rund um die Welt, ein neuer Machtkampf an – diesmal zwischen der Gruppe Teng Hsiao-ping einerseits (er sammelt um sich die einstigen Opfer der Kulturrevolution und anderer Kampagnen der Mao-Zeit) und der Hua-Fraktion anderseits (also den während der Kulturrevolution aufgestiegenen Funktionären der mittleren Generation, die zwar nicht radikal sind, aber doch links der Mitte stehen)?

Unbestreitbar wird durch den Sturz des Oberbürgermeisters auch die Position des Vorsitzenden Hua berührt. Denn es gibt ein Ereignis der jüngsten Geschichte, das beide verbindet und ihre Beziehungen zu Teng Hsiao-ping von Anfang an belastet hat: Das sind die Unruhen am 5. April 1976 auf dem Pekinger Platz am Tor des Himmlischen Friedens. Die wahren Hintergründe dieses Volksaufstandes, der sich am ehesten mit dem 17. Juni 1953 in Ostberlin vergleichen läßt, sind noch immer ungeklärt.