Das 1846 erschienene Werk gehört sicher zu den bedeutendsten Beispielen der Reiseliteratur. Es schildert in leichter Verfremdung die authentischen Erlebnisse des amerikanischen Autors auf einer Südseeinsel vier Jahre zuvor. Die Genauigkeit der Beobachtung von Sitten und Gebräuchen der Insulaner sucht ihresgleichen. Von brennender Aktualität ist der sich wie ein roter Faden durch die Erzählung ziehende kulturkritische Vergleich der westlichen Zivilisation mit der Insulanerkultur. Melville zeigt, daß die Taipis zwar offenbar "Kannibalen" sind, aber dennoch über eine hochstehende Kultur verfügen und in fast paradiesischen Umständen leben, begünstigt durch – eine verschwenderische Natur. Wovon der Weiße nur zu träumen wagt, ist hier Wirklichkeit. Untergründig leidet der Erzähler, daß ihm diese bewunderte Welt letztlich unzugänglich ist. Aus diesem Grunde – und weil er dort trotz exzessiver Verwöhnung in einer Art Gefangenschaft gehalten wird – flieht er schließlich und gelangt unter großen Gefahren auf ein westliches Schiff. Das Buch –

Hermann Melville: "Taipi – Abenteuer in der Südsee", aus dem Amerikanischen von Ilse Hecht; Benziger Verlag, Zürich/Köln; 327 S., 17,80 DM,

eine Übernahme aus der DDR, ist hervorragend gedruckt und ausgestattet. Die Illustrationen Klaus Ensikats tragen zur Vergnüglichkeit der Lektüre bei. Der Bericht stellt an das sachliche Interesse und die Ausdauer des Lesers einige Anforderungen. Er galt bisher nicht als Jugendlektüre. Aber auch Moby Dick, heute ein umstrittener Klassiker der Jugendliteratur, brauchte zumindest in Deutschland ein Jahrhundert, bis er sich durchzusetzen vermochte. Mit dieser Ausgabe verspricht auch Taipi ein Klassiker zu werden. Melville bezeichnet in ihm den zivilisierten Weißen als "das wildeste Tier auf dem Erdboden". Damit gedachte er die Polynesier gegen die von den christlichen Missionaren verbreiteten maßlosen Gerüchte in Schutz zu nehmen. M. D.