Von Egmont Schulze-Pellengahr

Noch bis in die Mitte der achtziger Jahre rechnen die Bildungsexperten mit weiter ansteigenden Studentenzahlen an den westdeutschen und Westberliner Hochschulen. Überraschenderweise macht sich aber bereits jetzt eine Trendwende bemerkbar. Düstere Berufsaussichten lassen viele Abiturienten auf ein Studium verzichten, noch bevor der Pillenknick eine natürliche Entlastung bringt. Und bei denjenigen, die auf eine akademische Ausbildung nicht verzichten wollen, stehen weitgehend Überlegungen im Vordergrund, welche beruflichen Chancen sich in vier, fünf oder sechs Jahren im gewählten Fach noch bieten. Und dabei liegt der Akzent auf "noch". Einigermaßen verbindliche Aussagen mögen die Berufsberater angesichts der schlechten Arbeitsmarktlage schon lange nicht mehr treffen. Zu viele Risikofaktoren belasten eine halbwegs sichere Prognose, nicht unähnlich dem tagtäglichen Dilemma der Meteorologen.

Als sich bereits vor zehn Jahren abzeichnete, wann der rauhe Wind auf dem Arbeitsmarkt den Geistes- und Sozialwissenschaftlern endgültig ins Gesicht blasen würde, war von einem Wetterumschlag bei den Naturwissenschaftlern noch nichts zu spüren. So konnte z. B. ein frisch gebackener Diplom-Mathematiker noch 1969 zwischen fünf offenen Stellen wählen. Im Jahre 1974 konnte die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Frankfurt ein Stellen- und Bewerberverhältnis nur noch von rund eins zu eins ausweisen. Heute entfällt auf vier Bewerber ein Stellenangebot.

Was die Wirtschaft braucht

Diese ungünstige Entwicklung kann jedoch nicht ausschließlich mit den erhöhten Ausbildungszahlen begründet werden. Zwei Faktoren traten hinzu:

1. Unerwartet erwuchs neue Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Nach Feststellung der Bundesanstalt für Arbeit hat neben dem zweifach geschulten Wirtschaftsingenieur insbesondere die Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften in den Betriebs- und Volkswirten ernstzunehmende Kontrahenten gezüchtet. Ein weiterer scharfer "Gegner": der Informatiker.

2. Wesentlich verändert hat sich der qualitative Bedarf der Wirtschaft und korrespondierend damit auch die Nachfragestruktur auf dem Arbeitsmarkt. Zunehmend gefragt ist eine praxisbezogene und anwendungsorientierte Vorbildung. Mathematiker mit Kenntnissen in der Datenverarbeitung, Statistik oder Operation Research liegen – wie der Stellenmarkt. zeigt – gegenüber ihren Fachkollegen mit Nebenfach Theoretische Physik besser im Rennen.