Von Hans Wollschläger Wer sich dem "Thema" Karl Kraus nähert, begibt sich in eine Gefahr, in der er leicht umkommen kann: heißt es doch nicht nur, ein Zigtausend-Seiten-Werk durchdrungen zu haben, sondern es fordert auch die Verfügung über ein Sprach-Instrumentarium, das sich in der Gesellschaft der "Fackel"-Sprache zwar bescheiden geben, aber nicht wie ein bloßer Bettel ausnehmen darf. Solche Voraussetzungen sieht man angesichts der bisherigen Literatur über Kraus nicht eben häufig erfüllt.

Es ist auch schwer, sich Kraus zu nähern, und vielleicht hat sich die Literatur über ihn darum so grell ins Pro und Kontra geschieden, weil die Übermacht dieses Ober-Vaters der Sprach- und Kulturkritik die beiläufig harmonisierende Annexion fürs kulturelle Erbe schlechterdings nicht zuläßt und über die kritische Bemühung alsbald solche Ängste verhängt, daß sie wie zwangsläufig zerfallen muß: in kindliche Unterwerfung und in kindliche Aggression. Diese Übermacht besteht zuletzt darin, daß Kraus die Motivationen, sich mit ihm zu befassen, vorausgewußt und vorausbehandelt hat: Es gibt kaum eine Frage, in die er und sein Werk gestellt werden könnten, auf die in der "Fackel" nicht schon eine souverän abweisende Antwort stünde. Man könnte ängstlich werden vor soviel Unangreifbarkeit, Selbstbehauptung und Immunität – es sei denn, man bekäme einen Zugang zu dieser Unangreifbarkeit selbst und lernte, sie im Erfahrungsfeld der eigenen Angstreaktionen neu begreifen: als Schutzschild einer selber zutiefst geängstigten Seelenstruktur.

Einen solchen Zugang bahnt das neue Buch über Karl Kraus von –

Manfred Schneider: "Die Angst und das Paradies des Nörglers – Versuch über Karl Kraus"; Syndikat Autoren- und Verlagsgesellschaft, Frankfurt, 1978; 208 S., 28,– DM.

Das Wagnis ist in keiner Hinsicht gering: Nicht nur tritt es im Alleingang mit dem Vorsatz an, Werk und Person des Satirikers "der überwältigenden Macht des Konformismus zu entreißen es tut dies auch noch auf den von Kraus doppelt verpönten methodischen Wegen der Literaturwissenschaft und der Psychoanalyse, und zwar mit dem Anspruch, notfalls "gegen Karl Kraus Recht zu haben" – und so hat es alle Aussicht, zwischen zwei nicht eben kleine Mühlsteine zu geraten.

Daß es mit Kraus selber zugleich in der Skepsis gegen beide Methoden ein halbes Bündnis eingeht, sich abgrenzt gegen den "Klinikgeruch an unserer Terminologie" wie gegen den Staubgestank der bloßen philologischen Verwaltungsarbeit, dürfte ihm die Zünfte wiederum kaum zu Freunden machen. Erst recht durch die kompakte Dichte der Sprach- und Gedankenarbeit, durch die aus dem wahrhaft Vollen schöpfende Scharfsicht und Inspiration ist ein Buch zustande gekommen, auf das die konformistische Germanistik und Analyse nur mit Neid blicken können: Es hat in der zeitgenössischen psychoanalytischen wie germanistischen Literatur nicht seinesgleichen. Doppelt glaubwürdig wird so, was Schneider über die erkenntnisstiftende Kraft der"charakterneurotischen Dispositionen" seines Gegenstandes aufzeigt. Sein Werk des Eindringens in die schwerbewehrte Festung der "Fackel"-Satire ist im wörtlichen Sinne bahnbrechend: Es macht den Weg frei für weitere Annäherungen an das angstweckende Phänomen, das einem geringeren Mut nicht zugänglich wäre; an ihm wird sich zugleich die ganze künftige Kraus-Literatur zu messen haben – zum Nutzen ihrer Qualität und zum Nachteil ihrer plauderfreudigen Unbefangenheit.

Unmöglich geworden sind etwa starre Erledigungsformeln wie die vom habituellen "Haß" des Satirikers Kraus auf alle Welt. Schneider errichtet das differenzierte Energiebild der Krausschen Aggressions-Satire auf dem Grundriß einer von verschorften traumatischen Wundstellen durchsetzten "neurotischen Charakterdisposition" und erkennt in den satirischen Unternehmungen Dubletten archaischer Konfliktkämpfe, hinter den Feindbildern die "lebenslange Suche nach realen Repräsentanzen der irrealen Ängste". Aus der in Ambivalenz zergangenen frühkindlichen Identitätskonstitution lösen im Werk immer wieder die unversöhnten dualistischen Komponenten des gewonnen Ichs: als Widerbilder des in der Vorvergangenheit erlebten Gut und Böse der Mutter- und Vater-Imagines.