Von Knut Nevermann

Dieses Buch ist die Geschichte eines Mannes und nicht die der Russischen Revolution. Nur ist der Mann so sehr mit den Ereignissen verbunden, daß er von ihnen nicht getrennt werden kann." Gemeint ist Leo Dawidowitsch Bronstein, genannt Trotzki, und das Buch

Victor Serge: "Leo Trotzki. Leben und Tod" (Vie et mort de Léon Trotzky); aus dem Französischen übersetzt von Peter Linnert. Europaverlag, Wien, 1978; 352 Seiten. 34,00 DM.

Gerade in diesem Zitat, so scheint mir, liegt auch das Problem dieser Darstellung: Kann es die Biographie eines Revolutionärs sinnvoll geben ohne eine Geschichte der Revolution? Natürlich ist eine ähnliche Frage an alle Biographien historischer Persönlichkeiten zu stellen: Das Bemühen, das Leben und Wirken des "Helden" zu beschreiben, erfordert immer Abstriche bei der Beschreibung des historischen Zusammenhangs.

Dennoch bleiben Biographien natürlich wichtig. Und der Erfolg einiger neuer Lebensgeschichten spricht dafür, daß sie für die Verbreiterung historischen Wissens möglicherweise eine größere Bedeutung haben als klassische Lehrbücher und schwergewichtige Monographien. Die Frage kann also nur sein, ob das Ausmaß, in dem der historische Kontext beschnitten wird, noch akzeptabel ist.

Dem Buch liegt ein Manuskript zugrunde, das 1946 abgeschlossen wurde und zunächst als Memoiren der Natalja Iwanowna Sedowa, der Witwe Trotzkis, erscheinen sollte. Als das Manuskript einige Tage vor dem Tod von Victor Serge fertiggestellt war, bestand Natalja Sedowa (wie im Vorwort berichtet wird) darauf, daß nur Serges Name erscheinen solle, weil es sein Werk sei und "weil das, was ich gesagt habe, sehr klar aus dem Text hervorgeht". In den von Serge in direkter Rede zitierten Ausführungen der Sedowa werden vor allem die privaten Ereignisse und unmittelbare Erlebnisse und Gespräche zwischen den beteiligten Akteuren erzählt.

Victor Serge selber war – nach einer Jugend im Westen – seit 1919 Mitarbeiter Sinowjews in der Kommunistischen Internationale, machte 1923 bei den Aufständen in Deutschland mit, nahm anschließend in Rußland an den parteiinternen Auseinandersetzungen aktiv teil, wurde 1933 verhaftet und 1936 aus der Sowjetunion verbannt; in Frankreich und Belgien beteiligte er sich an Aktivitäten trotzkistischer Gruppen, brach aber 1939 öffentlich mit Trotzki; seit 1941 lebte er bis zu seinem Tode 1947 in Mexiko von journalistischer Tätigkeit. Im Nachwort von Jean Riète heißt es: "Victor Serge – ob man ihn nun systematisch totschweigt oder ob man ihn verleumdet – ist zweifellos der klarsichtige und mutige Vorläufer der heutigen ‚Dissidenten‘, der machtvoll und streng dreißig, vierzig Jahre vor Solschenizyn (und anderen) über die Prozesse und Lager berichtet hat (die Stalins wie die Francos und Hitlers)."