Die Trimm-dich-Welle rollt. Normale Spaziergänger haben sich längst an die vorbeitrabenden Läufer gewöhnt, die, mit Trainingsanzug oder Turnhose bekleidet, im Stadtpark oder in stillen Seitenstraßen ihre Runden drehen, um sich "in Form" zu halten. Auch staatliche Stellen sind der Trimm-Welle gefolgt: Städte und Gemeinden legten in den letzten Jahren ihren Ehrgeiz darein, ihren Bürgern Trimm-dich-Pfade ("Fitneßstrecken") zur Verfügung zu stellen. In vielen städtischen Parks und Anlagen gibt es heutzutage Turngeräte und Sprunggruben; daneben verdeutlichen Hinweisschilder, was gewünscht wird: Zehn Rumpfbeugen, fünf Klimmzüge, dreimal Weitsprung oder Balancieren auf einem schmalen Holzbalken.

Dieses kostenlose Gesundheitsangebot der heimischen Kommune wird von vielen Bürgern dankbar akzeptiert und eifrig genutzt. Allerdings kommt es immer wieder einmal vor, daß ein Fitneß-Bewußter sich auf dem Trimm-Pfad verletzt. Manche fallen vom Reck, andere brechen sich beim Springen den Knöchel. Später gibt es dann Streit darüber, ob die Gemeinde, die den Trimm-Pfad angelegt hat, für solche "Betriebsunfälle" aufkommen muß.

Der verletzte Bürger (oder seine Versicherung) versucht, Arzt- und Krankenhauskosten von der Gemeinde zurückzubekommen; diese erklärt, sie zwinge ja niemanden zum Trimmen. Wer die Trimm-Strecke benutze, müsse das Risiko schon selbst tragen. Unfälle gebe es bei jedem Sport, schon gar, wenn untrainierte Wohlstandsbürger sich dabei ungeschickt anstellten. Im übrigen verweist sie auf ein Schild mit der Aufschrift "Benutzung auf eigene Gefahr" am Anfang der Trimm-Strecke und lehnt jede Zahlung ab.

Die Gerichte haben solche Fälle in den letzten Jahren wiederholt entschieden und dabei Umfang und Grenzen der gemeindlichen Haftung deutlich gemacht. Danach haftet eine Gemeinde, wenn der Unfall dadurch entstanden ist, daß eines der Trimm-Geräte nicht in Ordnung war. Wenn also ein Schwebebalken morsch ist und ein Trimm-Bürger deshalb herunterfällt oder einbricht und sich dabei verletzt, so muß die Gemeinde, die den Trimm-Pfad gebaut hat, Arzt und Krankenhaus bezahlen. Wenn dagegen der untrainierte Bürger seine sportliche Kondition überschätzt und deshalb vom Reck oder aus den Ringen fällt, haftet die Gemeinde nicht, denn solch ein Unfall ist nur auf die Ungeschicklichkeit des Ungeübten zurückzuführen.

Das bedeutet: Die Gemeinde kann nicht schlechthin für jeden Unfall auf dem Trimmdich-Pfad in Anspruch genommen werden; sie muß nur für solche Verletzungen aufkommen, die aus dem schlechten Zustand der von ihr aufgestellten Trimm-Geräte resultieren.

Zwei gerichtliche Entscheidungen, die sehr ähnlich gelagerte Unglücksfälle betrafen, gingen deshalb entgegengesetzt aus. In beiden Fällen hatte sich ein sportlich ungeübter Mann beim Weitsprung ein Bein gebrochen. Im ersten Fall, den das Oberlandesgericht Karlsruhe entschieden hat, war der Boden der Sprunggrube steinhart; er war weder mit lockerem Sand noch mit einem anderen den Aufprall abfangenden Material aufgeschüttet. Dieser mangelhafte Zustand war nach der Ansicht des Gerichts ursächlich für den Beinbruch des klagenden Trimm-Bürgers; die Gemeinde mußte deshalb zahlen. Im zweiten Fall, den wenig später das Oberlandesgericht Koblenz entschied, war dagegen der Boden der Sprunggrube mit Sägemehl bedeckt, das freilich am Unfalltag naß und verharscht war und deshalb den Aufprall ebenfalls nicht genug abfederte. In diesem Fall wies das Gericht die Klage des Verletzten ab. Die Anlage selbst sei in Ordnung gewesen – heißt es in der Entscheidung – das Verharschen des Sägemehls sei eine "natürliche Folge des Standortes der unüberdachten Anlage im Freien". Der verletzte Springer habe die mangelnde Elastizität des Bodens der Sprunggrube gekannt und darauf Rücksicht nehmen müssen; die Gemeinde jedenfalls hafte dafür nicht. Es genüge, wenn sie den Trimm-Pfad in Ordnung halte und ihn in regelmäßigen Abständen auf seine Verkehrssicherheit hin überprüfe. Übertrieben hohe Anforderungen sollten an diese Prüfungspflicht der Gemeinde nicht gestellt werden; auch darauf weist das OLG Koblenz zu Recht hin. Sonst würden die mit den Trimm-Strecken verbundenen Kosten sehr bald so hoch werden, daß die Gemeinden ihre Turngeräte schnellstens wieder abbauen. Eine Auflockerung des Sägemehls nach jedem Regen sei deshalb in diesem Fall nicht erforderlich gewesen.

Wenn allerdings eine Gemeinde durch den schlechten Zustand eines Trimm-Pfades den Unfall eines Bürgers verursacht hat, kann sie sich ihrer Haftung nicht einseitig entziehen. Vor allem das Schild "Benutzung auf eigene Gefahr" schließt ihre Haftung keineswegs von vornherein aus. Die Gemeinde müßte zusätzlich nachweisen, daß der verletzte Bürger das Schild auch gelesen und seinen Inhalt akzeptiert hat. Dieser Beweis wird ihr kaum je gelingen. Warnschilder dieser Art sind daher in aller Regel rechtlich bedeutungslos.

Eva Marie von Münch