Hätte es noch irgend eines Beweises bedurft, daß Winnie-the-Pooh ein Klassiker ist, so wußte man spätestens seit 1958, daß die liebenswert versponnenen Abenteuer von Christopher Robin und seinen Freunden zu den weitbesten Kinderbüchern zählen: 1958 wurde "Pu der Bär" nämlich offiziell ins Klassische gebrächt "Winnie ille Pu... in latinum conversus auctore Alexandra Lenardo". Während dieser Einfall eher ein intellektueller Erwachsenenspaß geblieben ist, hat nun der Cecilie Dressler Verlag etwas für die tatsächliche Zielgruppe getan: die Kinder. Drei von zehn Kapiteln des Bestsellers aus England gibt es jetzt als Sammelausgaben mit den handkolorierten Zeichnungen des kongenialen Illustrators Ernest Shepard.

Die drei Bändchen von –

A.A. Milne: "Ferkel ist völlig von Wasser umgeben", "Christoph Robin gibt eine Party für Pu", "Tiger kommt in den Wald und frühstückt"; Cecilie Dressler Verlag, Hamburg; je 28 S., 7,80 DM

eignen sich vorzüglich für unerfahrene Leser, erschrecken nicht durch Dickleibigkeit und sind in großer Schrift gesetzt. Den mit unverwechselbar englischem Humor erzählten Nonsense-Episoden hatte man gelegentlich nostalgische und eskapistische Tendenzen unterstellt, dabei aber offensichtlich vergessen, daß die nur scheinbar unschuldig-selbstgenügsame, ein bißchen "paradiesische" Welt des kleinen Christopher Robin mit hervorragend psychologischer Einfühlung und Kenntnis beschrieben ist. A. A. Milne rüstet Kinder mit seinen Erzählungen sicherlich besser ausals manches öde Lernkapitel plump realistischer Belehrungsgeschichten. Dieser Bär, Pu Bär, Winnie-der-Puh, der Freund Ferkels, der Kamerad Kaninchens, der Entdecker des Pols, Versemacher und Leckermaul, "a bear of very little brain", wird trotz oder wegen seiner Marotten geliebt. Und diese ganz und gar liebenswerte Figur ist hervorragend geeignet, verzagte kleine Kinder zu ermutigen, vielleicht zu beweisen, daß Intelligenz nicht die allerhöchste und schon gar nicht die einzige Tugend im Leben ist. Wie Kenneth Grahame im "Wind in den Weiden" übt Alan Alexander Milne kleine Leser darin ein, tolerant auch mit den Sonderlingen zu sein. Er lehrt sie ohne psychologistische Purzelbäume und pädagogische Penetranz, allein mit den Mitteln von Phantasie, Humor und Witz, die Verrücktheiten und Schwächen ihrer Umwelt augenzwinkend zu verstehen. Wahrscheinlich eine sehr englische Tugend. U. B.