Sympathisieren zwei Drittel aller Studenten mit dem Kommunismus? Diese Frage stellt sich Politikern und Öffentlichkeit, seit die Ergebnisse einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zur politischen Einstellung der Studenten aus dem Frühjahr dieses Jahres bekannt wurden. Diese Umfrageergebnisse sind – ganz gleich wie man sie interpretiert – für die Politiker aller Parteien schon deshalb eine Herausforderung, weil es für unsere Zukunft von fundamentaler Bedeutung ist, wie die nachwachsende akademische Generation unseren Staat und seine gesellschaftliche Ordnung gestalten und entwickeln will.

Rund 25 Prozent eines Altersjahrganges nehmen inzwischen ein Studium auf. Es mag sein, daß als Folge der Numerus-clausus- und Arbeitsmarktprobleme dieser Anteil in den kommenden Jahren leicht zurückgehen wird; entscheidend ändern wird er sich nicht. Eine Gesellschaft, die auch in Zukunft in einer freiheitlichen, demokratischen Ordnung leben will, kann es sich auf keinen Fall leisten, einen großen Teil dieser jungen Menschen politisch abzuschreiben. Genau hier aber liegen die Gefahren, die aus einer simplifizierenden oder einseitigen Interpretation der Allensbacher Umfrage drohen.

Es wäre Wasser auf die Mühlen der Kommunisten, wenn eine undifferenzierte Interpretation der Allensbacher Umfrage den Eindruck vermitteln wollte, die Mehrheit der deutschen Studenten befände sich geistig bereits im kommunistischen Lager. Zudem würde eine solche Auslegung den öffentlichen Ergebnissen der Umfrage nicht gerecht. Das macht die Vielzahl widersprüchlicher Aussagen deutlich.

61 Prozent halten den Kommunismus von der Idee her für gut, lehnen aber seine Praktizierung in kommunistischen Staaten ab. Dagegen stimmen 85 Prozent uneingeschränkt oder zumindest teilweise der Feststellung zu, daß in unserer Demokratie ein großes Maß von Freiheit und Rechtssicherheit verwirklicht ist.

70 Prozent halten – wenn in der Mehrheit auch mit Bedenken – eine kommunistische Regierungsbeteiligung in westeuropäischen Ländern für hinnehmbar, wenn sie dem realen politischen Kräfteverhältnis entspricht. Aber nur ein knappes Drittel der Studenten befürwortet eine Zusammenarbeit SPD/FDP-naher Studenten mit Kommunisten an ihren eigenen Hochschulen, Wahrscheinlich sind dies im wesentlichen die gleichen 33 Prozent, die nicht bereit sind, eine Beteiligung des RCDS in den allgemeinen Studentenausschüssen zu tolerieren.

65 Prozent der Befragten hatten Zweifel daran, daß Regierung und Parlament noch die Interessen des Volkes vertreten. Dennoch sind 63 Prozent der Auffassung, daß das parlamentarische System gut funktioniert, und 64 Prozent sind zufrieden, in der Bundesrepublik zu leben.

Um derartige Widersprüche und Ungereimtheiten aufzuklären, reichen die Ergebnisse der Umfrage allein offensichtlich nicht aus. Sie reichen zum Beispiel nicht aus, um zu erklären, wieso die Mehrheit der Studenten die Idee des Kommunismus jenseits aller erfahrbaren Realität gutheißt, während sie zugleich mehrheitlich alle bestehenden Formen ihrer Realisierung ausdrücklich ablehnt. Liegt es daran, daß in unserer Gesellschaft die Bereitschaft der Studenten zu sozialem Engagement weithin unterfordert wird? Oder erliegen sie der Faszination eines geschlossenen Weltbildes, das durch den tagespolitisch orientierten Pragmatismus der politischen Institutionen und durch den Autoritätsverlust der Kirchen an Anziehungskraft gewonnen hat? Eine stärkere Grundwertorientierung der Parteien, wie sie die CDU mit ihrem Grundsatzprogramm anstrebt, könnte darauf eine Antwort sein. Freilich darf bei einer solchen Antwort nicht außer acht gelassen werden, daß alle Sehnsucht nach einem geschlossenen politischen Wertesystem ihre Grenzen im Gebot des Pluralismus findet, das für jede Demokratie unverzichtbar ist. Gerade deshalb ist aber die kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Marxismus in den Hochschulen notwendiger denn je; denn die offenkundigen Widersprüche in der Einstellung dieser Studenten zum Kommunismus einerseits und zu unserer demokratischen Grundordnung andererseits wären kaum denkbar, wenn die wissenschaftliche Marxismuskritik überall an den Hochschulen in den zurückliegenden Jahren die gleiche Bedeutung gehabt hätte wie die Kritik am Kapitalismus.