Daß eine mächtige Nation wie die unsere (USA) auf solche Weise einen Krieg gegen ein paar Nomaden führt, ist ein zutiefst beschämendes Schauspiel, ein beispielloses Unrecht, ein höchst widerliches nationales Verbrechen, das früher oder später ein himmlisches Strafgericht über uns und unsere Nachkommen bringen muß." Nun, daß dieses von dem Indianerkommissar Sanborn vorausgesagte Himmelsgericht nicht allzu gefährlich für den weißen Mann wird, dafür haben Indianerfresser wie General Sheridan ("Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer") gesorgt.

Aber der Widerstand formiert sich seit Wounded Knee vernehmbar. Die Literatur über Indianerfragen trägt dem Rechnung. Und auch in Büchern für Jugendliche beginnt man zunehmend gegen das Wildwestfilmbild vom marodierenden, grausamen Indianer anzuschreiben. Die Gefahr dabei: die "edlen Wilden" werden zu Übermenschen stilisiert, die alle hohen Werte (Brüderlichkeit, Tapferkeit, ökologisches Bewußtsein und überlegene Weisheit) auf ihrer Seite haben.

Auch die beiden Bände von – Nanata Mawatani: "Weißer Vogel und Schwarzes Pferd", 164 S., und "Kleiner Bär und Weißer Vogel", 180 S.,; Arena Verlag, Würzburg; je 13,80 DM

vermeiden diese Heroisierung nicht immer ganz, aber sie tun es mit so engagierter Sachlichkeit, daß man am Ende nicht daran zweifelt, hier ein authentisches Porträt eines Cheyennehäuptlings vorliegen zu haben.

Schwieriger ist das mit der Erzählerin. Die 24jährige Tochter eines Offiziers hat sich nach einem Massaker an Indianern (1864) auf die Seite der Verlierer geschlagen und den Häuptling Schwarzes Pferd geheiratet. Sie verwandelt sich mit der Zeit in die Indianerin Weißer Vogel. Ein Vorgang, den es immer wieder mal gegeben hat, und erzähltechnisch ein geeigneter Kunstgriff, der nicht nur eine Identifikationsfigur ins Buch einbringt, sondern auch die Möglichkeit, die unterschiedlichen Standpunkte von Weiß und Rot zu personifizieren. Weißer Vogel lernt stellvertretend für den Leser die Eigenarten der Cheyenne kennen und schätzen. Ob die Assimilation allerdings bis zur völligen Gleichberechtigung der Squaw gegenüber ihrem Mann ging, scheint mir fraglich bei allem, was man über die untergeordnete Stellung der Indianerfrau weiß.

Wenn man jedoch akzeptiert, daß Weißer Vogel oft wie ein Krieger handelt – und trotzdem manchmal wie ein Backfisch schreibt (etwa bei der Liebesgeschichte im ersten Band: "Als er mich in die Arme nahm, versank alles um mich her in einem schwindelerregenden Wirbel von Liebe, Zärtlichkeit und Leidenschaft.") –, dann hat man einen ebenso spannenden wie erschütternden Bericht über "die letzten Jahre der Cheyenne" vor sich. Die Tagebuchform, auf den ersten Blick etwas schematisch erscheinend, erweist sich beim Lesen als besonders geglückte Erzählform. Indem Nanata Mawatani nämlich bewußt auf die Dramaturgie gängiger Abenteuergeschichten verzichtet, gelingt ihr ein exaktes Bild der alltäglichen Bedrohung, mit der die Indianer die letzten Jahre in ihren Bergen leben mußten.

Es sind nach wie vor die reitenden, Büffel jagenden Indianer der nordamerikanischen Prärien, die das ungebrochene Interesse von Jugendbuchlesern und also auch -schreibern finden. Wenig erforscht und deshalb weniger bekannt sind die Bewohner der amerikanischen Nordwestküste. Abgeschirmt durch den Wall der Rocky Mountains nach Osten und durch das arktische Eis im Norden, konnten sich dort in den Fjorden des heutigen British Columbia steinzeitliche Lebensbedingungen bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts halten.