Von Heinz-Günter Kemmer

Als die Emissäre der Deutschen Babcock AG ausschwärmten, um Kundschaft für eine neue Technologie zu finden, stießen sie auf den Entdecker eben dieser neuen Technik: Erhard Keltsch, Vorstandsmitglied der Nordwestdeutsche Kraftwerke AG (NWK) in Hamburg, hatte schon dreizehn Jahre vorher die Idee, nach herkömmlichen Maßstäben unrentable Gasvorkommen im Küstenvorland mit Hilfe von Kraftwerken rentabel zu machen.

Babcock und NWK bemühen sich jetzt gemeinsam darum, dieser Technik zum Durchbruch zu verhelfen. Im Frühjahr 1979 wird die in Oberhausen ansässige Babcock eine Studie vorlegen, die für die interessierten Energieversorgungsunternehmen eine Entscheidungsgrundlage sein soll. Der in Oberhausen für die Meerestechnik zuständige Abteilungsleiter Peter Schiemichen ist zuversichtlich, daß er den Interessenten dann für achtzig Prozent der Kosten ziemlich verbindliche Angaben machen kann.

Ausgangspunkt der Überlegung ist, daß die Öl- und Gassucher in der Nordsee – und nicht nur dort – immer wieder auf kleine Vorkommen stoßen, deren Ausbeutung sich nicht lohnt, wenn man an das klassische Verfahren des Baus einer Pipeline zum Festland denkt. Für Vorkommen mit nur wenig Gas oder für größere Funde mit niedrigkalorigem Gas ist der Bau einer Pipeline einfach zu teuer. Und es hat auch keinen Sinn, über einem derartigen Vorkommen, eine Verflüssigungsanlage zu bauen und das Gas dann mit Tankern abzutransportieren.

Der einzig vernünftige Weg, so versichern Babcock und NWK unisono, sei der Bau eines Kraftwerks. Folgt man Hermann Krämer, dem NWK-Planungschef, dann gibt es dabei nur ein Problem: Der Eigentümer des Gasfundes muß sich mit einem niedrigeren als dem Marktpreis für sein Erdgas zufrieden geben. Das aber sollte ihm, so meint Krämer, nicht schwerfallen. Schließlich sei die Verstromung auf See zur Zeit die einzige Chance, das Gas überhaupt zu verwerten.

Alles andere ist, so doziert Krämer, hinreichend bekannte Technik. Ein Kraftwerk, wie es ihm vorschwebt, wird gegenwärtig bei den Stadtwerken München gebaut, durch die See verlegte Stromleitungen sind in Skandinavien in Betrieb, und die erforderliche Plattform, auf der das Kraftwerk im Meer installiert werden muß, darf bescheidener ausfallen als die größten bisher gebauten Plattformen. Diese können ein Gewicht von 15 000 bis 20 000 Tonnen tragen, das in Frage kommende Kraftwerk wiegt hingegen nur etwa 8000 Tonnen.

An die Plattform wird allerdings die Anforderung gestellt, daß sie beweglich ist. Wenn eine Gasblase "leergelutscht" ist, dann soll sie. ihre hydraulisch betätigten Stelzfüße einziehen und mit Hilfe von Schleppern samt Kraftwerk an den nächsten Einsatzort bugsiert werden können. Beim ersten Kraftwerk dieser Art soll allerdings ein schneller Umzug möglichst vermieden werden. Die NWK denkt deshalb an einen Standort, dessen Gasvorrat für eine Betriebsdauer von fünfzehn Jahren reicht.