Ehrlich gesagt hatten wir beide etwas Angst, München zu verlassen. "Wir kennen keinen Menschen in Hannover", überlegte meine Frau laut, "alle Freunde und Bekannte leben in Süddeutschland." "Ich finde, wir müssen flexibel bleiben", erwiderte ich, "wenn wir jetzt nicht den Absprung schaffen, werden wir nie weiterkommen. Warum sollen wir nicht auch in Hannover wieder Freunde finden? Natürlich wird es seine Zeit dauern, aber schließlich hat es hier auch Jahre gedauert, bis wir Freunde gefunden haben." Der gemeinsame Wille, etwas andere? zu machen, war stärker als die Angst vor der Isolation in einer neuen Umgebung.

Mittlerweile sind fünf Jahre vergangen, und wir haben wahnsinnig nette Leute kennengelernt. Trotzdem war meine Frau mit den Ergebnissen unserer Bemühungen, Gesprächspartner zu finden, unzufrieden. "Ich vermisse unsere Freunde", klagte sie, "diese Einsamkeit macht mich verrückt."

"Aber wir haben doch hier auch Freunde", entgegnete ich etwas unsicher, "gerade gestern hat mir Erich auf dem Parkplatz zugerufen, wir müßten uns unbedingt mal wieder treffen. Oder denk doch an Holger und Pamela: Wann immer wir sie sehen, sind sie traurig, daß wir uns so lange nicht gesehen haben, und kündigen lauschige, gemeinsame Abende an..."

"Die nie stattfinden", unterbrach mich meine Frau heftig, "Wolf und Charlotte haben auch betont, daß wir uns unbedingt bald mal wieder zusammensetzen müssen – vor drei Jahren ungefähr."

Das Wochenende drohte, sentimental zu werden, ich schlug einen Spaziergang vor.

In der Fußgängerzone trafen wir Helga und Dieter, "Mensch, wir haben uns ja ewig nicht gesehen", eröffneten sie die Unterhaltung und schlossen mit der Ankündigung: "Wir rufen euch in den nächsten Tagen an." Das war vor vier Monaten, Ich wußte zwar, daß Dieter reichlich mit Arbeit eingedeckt war und selten Zeit hatte, trotzdem bekam nun auch ich Depressionen.

Kurz bevor ich zum Nervenarzt gehen wollte, kam eine Einladung, "Wollt ihr nicht Sonnabend vorbeikommen? Es kommen noch ein paar Leute, Nur so. Ein gemütlicher Abend," Nachdem ich sechzig Leute gezählt hatte, hörte ich auf zu zählen. Sicher war die Party ein voller Erfolg für Christel, Die Musik, die pausenlos dröhnte, verhinderte zwar jedes Gespräch, aber das störte die Tanzenden wenig. Und schließlich kann ich Christel doch nicht vorwerfen, daß ich nicht tanze.