Geschichtlichen Stoff dem Jugendlichen in einer Form zu vermitteln, die seinem Verständnis gerecht wird und dabei zugleich unterhaltend und fesselnd sein soll, hat Jugendbuchautoren schon vor über hundert Jahren gereizt. Fast immer kam dabei ein historischer Roman zustande, in dem ein jugendlicher Held unmittelbar Zeuge großen Weltgeschehens wird, so daß Geschichte über den Prozeß der Identifikation vermittelt wird. Das bedeutet aber notwendig eine Verengung der Perspektive, weil der geschichtliche Prozeß selbst nicht vom jugendlichen Augenzeugen begriffen werden kann.

Der Ueberreuter Verlag hat darum eine andere Form gewählt: Er will eine Epoche im Stil der Zeitung von heute wiedergeben. Ein fingiertes Journal, das sich "Zeit-Bild" nennt, berichtet "in der Sprache des modernen Journalismus" (Klappentext); bisher liegen drei Bände vor, jetzt erscheint –

"Zeit-Bild – Das historische Nachrichten-Magazin – Napoleon"; Verlag Carl Ueberreuter, Wien/Heidelberg; 240 S.,zahlr.Abb.,34,- DM.

Die Problematik eines solchen Unternehmens liegt auf der Hand: Ein Interview mit Napoleon oder Metternich ist in jeder Weise ein Anachronismus, und Nachrichten über Dinge, die kein Zeitgenosse wissen konnte, sind es nicht minder. Andererseits ist aber denkbar, daß Jugendliche diese Form attraktiv finden. Fragt sich nur, was ihnen hier vermittelt wird, welche Themen und welche Perspektive. Das vorliegende Buch zeigt leider, daß die Froschperspektive des konventionellen Historienromans für Jugendliche und die hier gebotene Pseudo-Journalistik kaum voneinander entfernt sind.

Gewiß ist anzuerkennen, daß die neunköpfige Redaktion versucht hat, alten Klischees auszuweichen. Geschichte ist nicht nur Krieg und Diplomatie. Dazu gehören geistige Bewegungen, Wissenschaft, Forschung, Technik, Kultur in jeder Form, natürlich auch etwas Klatsch und alles das, was Zeitungen unter "Vermischtes" drucken. In einer seriösen Tageszeitung wäre für solche Beiträge kein Platz, eher findet man sie in Schülerzeitungen, die den Jargon des "Spiegel" nachahmen.

Weit ärger aber ist, daß die Auswahl des Stoffes von hilflosen Inkompetenz zeugt. Als Journalist frage ich mit, wie sich die Redaktion solche Knüller hat entgehen lassen wie den Attentatsversuch des achtzehnjährigen Staps auf Napoleon, das Superspektakel des Erfurter Kongresses, die Verwüstung Kopenhagens 1807 durch die Engländer, den "Verrat" Marmonts 1814 vor Paris. Journalistisch verschenkt ist der Putsch des Generals Malet (nicht Mallet) 1812, der die totale Brüchigkeit des Napoleon-Regimes auf geradezu lächerliche Weise enthüllte: Hier wird daraus nur die weit überschätzte "Philadelphenverschwörung". Verschenkt wurde eine Analyse der Kontinentalsperre in ihren wirklichen Folgen; man merkt hier wie anderswo, daß die Autoren moderne Forschungen überhaupt nicht Zur Kenntnis genommen haben. Die Bibliographie dieses Buch verrät einiges.

Manches ist so miserabel recherchiert, daß Nachsicht unangebracht ist. Geradezu schwachsinnig ist der Beitrag über die Romantik; bezeichnend auch, daß die bedeutende Rolle der Frau in der Romantik ganz negiert wird. Dafür eine Anekdote über Cambronnes "Wort" von Waterloo, an der nichts stimmt. Nicht einmal die Presse selbst als gezielt eingesetztes Propaganda-Instrument wird der Darstellung für wert befunden. Ludwig XVIII. habe dem verbannten Napoleon "einige Millionen Goldfrancs nach Elba" geschickt und damit dessen Hundert Tage finanziert: Soviel Dämlichkeit ist selbst als Witz zu billig. Aber so geht das seitenlang, und es lohnt nicht, die vielen Irrtümer und Schiefheiten hier aufzulisten.