"Es war ein guter Sommer für Einzelhändler, die reichlich Friesennerze (Öljacken) und Gummistiefel auf Lager hatten." Der milde Spott Georg Schuberts, Geschäftsführer des Fremdenverkehrsverbandes Lüneburger Heide, gilt der vergangenen Saison. War sie tatsächlich so düster? Ist der deutsche Sommer ’78 wirklich ins Wasser gefallen? Die Antworten der regionalen Fremdenverkehrsorganisationen im Norden Deutschlands fallen zu diesem Thema unterschiedlich aus.

Von "Wechselbädern" spricht man beispielsweise an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. Juli schlecht, August erträglich, September ganz schlecht, Oktober glänzend – so hieße die Saison in Stichworten. Hier, wie an der Nordsee, fehlen in der Umsatz- und Übernachtungsstatistik die Spontan- und Kurzurlauber sowie die Tagesgäste. Die 3-Wochen-Urlauber sind gekommen und geblieben (sie haben ja auch kaum Chancen, bei früherer Abreise Geld zurückzuerhalten). Vom schlechten Wetter profitiert haben deutlich die Gastronomen in den Städten – Lübeck, Kiel oder Flensburg – sowie in den binnenländischen Ausflugsorten. Merklich weniger ist in den Kassen derjenigen, die auf das Badeleben spezialisiert sind wie Strandkorbvermieter oder Promenadenimbißbesitzer.

Der Herbst scheint nun, auch dank vieler Pauschalofferten, die Statistik aufzubessern: Die Gäste kommen augenblicklich scharenweise. Offenbar wissen sie, was Gerd Kramer, Direktor des Fremdenverkehrsverbandes Schleswig-Holstein, propagiert: "Ein Herbsturlaub in Schleswig-Holstein macht fit für den Winter." So wird im nördlichsten Bundesland die Sommerbilanz einen Rückgang (deutlich unter zehn Prozent), jedoch keinen Einbruch aufweisen.

An der niedersächsischen Nördseeküste wird man nach der diesjährigen Erfahrungen möglicherweise einen Wetterbericht-Service einrichten müssen: 1978 war es auf den Inseln and an der Küste wesentlich sonniger als im Binnenland. Die Saison war also durchaus zufriedenstellend mit leichter Plus-Tendenz; natürlich fehlten auch hier die Kurzentschlossenen und Tagesgäste. Die landeinwärts liegenden Ferienorte sind freilich vom Sommer nicht so begeistert. Alle zusammen sind jetzt über den "goldenen Oktober" froh – manchmal gibt es sogar Unterbringungsprobleme.

Letzteres gilt auch für die Lüneburger Heide. Hier rechnet am Saisonende mit einem bescheidenen Plus. Der Regen störte die Urlauber offenbar wenig – vielleicht wissen sie, daß die Heide dann besonders schön blüht. Regelrecht gelitten unter der Witterung haben die großen Restaurants an Tierparks und anderen Ausflugszielen, weil die Gäste kaum draußen sitzen konnten. Die schlichten Quartiere wurden verstärkt gemieden, doch können die gut ausgestatteten Häuser generell nicht klagen.

Im Harz war der Juni der schlechteste Monat; wie Verbandsdirektor Hubert Schulgen mutmaßt, ist daran möglicherweise auch die Fußball-WM schuld. Man mußte im Harz zwischen April und August zwar einen knapp fünfprozentigen Übernachtungsrückgang hinnehmen, doch dank des sehr guten Winters kann das Jahr insgesamt mit einem Zuwachs abgeschlossen werden. Derzeit ist, bei anhaltendem Sonnenschein (der Harzer Verkehrsverband hat das an der Nordsee entbehrte Wetterbericht-Telephon bereits installiert), hier mehr los als im Sommer. Dieter war, vermutet Schulgen, wenigstens eine gute Winterwerbung: Noch nie gab es im Harz so früh einen so hohen Buchungsstand für den Winter wie in diesem Jahr. Ulrike Klugmann