Zu den bedeutungsvoll zitierten, aber wohl muffigsten Spekulationen von Pädagogen gehört ohne Zweifel diese: menschliche Ausstattung von Tierwesen in Kinderbüchern sei "unzulässig", weil unrealistisch. (Lewis Carroll, Kenneth Grahame und A. A. Milne haben demnach "unzulässige" Welterfolge geschrieben.) Einer der Kinderbuchautoren, die diese einfältige These in Psychologie vergaffter Theoretiker mit jedem neuen Bildband überaus witzig widerlegen, ist der Erzähler, Maler und Illustrator Janosch. Über 128 Seiten seines neuesten Buches –

"Die Maus hat rote Strümpfe an" von Janosch (Text u. Ill.); Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim; 128 S., 29,80 DM

hopsen, schlurfen, schleichen und hüpfen spießig verkleidete Mäuse in gestreiften Shorts, Hasenmütter mit rose geränderten Küchenschürzen und Löwen in himmelblauen Unterhosen. Ein Bär mit warmen Wollsocken, Mausmännchen mit Schlägermützen, ein glücklicher Maulwurf mit wattierten Bettschuhen oder der mißmutig davontrottende Rabe im schlotternden Trauerkleid: sie alle machen nicht die übliche Statisterie in einer süßlich retuschierten Bilderbuchwelt, wo hinter jedem Blättchen ein glücklicher Maikäfer und hinter jedem Bäumchen ein liebes Lamm versteckt sind. Nein, dieser Janosch veranstaltet nicht ohne Tücke eine amüsante Verkehrung der beliebten Klischees. In Kinderbüchern ist der Wolf mörderisch, der Hase ein bißchen feige, der Fuchs verschlagen und die Grille liderlich lebensfroh. Janoschs Grille indessen (auch sie hat den schönen Sommer lang leichtfüßig herumgefiedelt) findet im Winter statt gerechter Strafe – ganz gegen die tradierte Moral der Erbauungs- und Lehrgeschichten – Unterschlupf in der köstlich warmen Maulwurfswohnung. Der kurzsichtige Maulwurf lauscht selbstvergessen im grauschwarzen Samtkittel dem Geigenkonzert, während der warme Ofen bollert und die leckere Suppe im Topf dampft.

Janosch kratzt (sichtbar mit Vergnügen) am Lade des Tugendkatalogs. Er täuscht gern Simplizität vor und arbeitet mit doppeltem Boden. In den biedermeierlich garnierten Rähmchen seiner kolorierten Federzeichnungen verstecken sich quatschmachende, lang geschwänzte Mäuse mit gewaltigen Segelohren. Hasenkinder rekeln sich unter Blumenstengeln und schwänzen die Lektion vom weisen Dachs. Schüttelverse, Moritaten und Singsang werden listig umgestülpt, Liliput-Lieder, Abc- und Abzählreime, Hosentaschengedichte, Kater und Känguruhs taucht Janosch frech in neuen Firnis und imprägniert seine komisch-rührenden Phantasieviecher (und die kindlichen Leser dazu) gegen die nicht enden wollenden Vernünfteleien ewig besser wissender Erwachsener. "Die Maus hat rote Strümpfe an" ist ein phantasiestrotzendes Sammelsurium reinster Westentaschen-Poesie und entzückender Illustrationen, die ein bißchen kurios, ein bischen zärtlich und ein bißchen boshaft sind. Eins jedenfalls nie: langweilig. Die Verse haben robusten Charme und wahrscheinlich ein schön zähes Leben. Enzensberger zählt den Kinderreim zur poetischen Form, "deren unmittelbarer Nutzen auf der Hand liegt. Denn er wird gebraucht". Diese Gebrauchslyrik verkauft der listige Janosch augenzwinkernd: Bilder und "Poesie, die am grünen Holz wächst". Ute Blaich