Über die "Noten und Abhandlungen" zu der späten Gedichtsammlung "West-östlicher Divan" setzte Goethe den Vierzeiler in eigener Sache: "Wer das Dichten will verstehen/Muß ins Land der Dichtung gehen;/Wer den Dichter will verstehen/Muß in Dichters Lande gehen." Ins "Land der Dichtung", in das Persien des Dichters Hafis’, mit dem Goethe im "Divan" verrätselte Zwiesprache hält, hatte er selber sich nur imaginär begeben. In "Dichters Lande" hat sich jetzt, dem zweiten Teil der Gebrauchsanweisung für den Umgang mit Poesie und Prosa aufnehmend, ein Photograph begeben. Michael Ruetz: "Auf Goethes Spuren – Stätten und Landschaften", Textauswahl und Kommentar von Eckart Kleßmann; Artemis Verlag Zürich; 209 S., davon 77 farbig, 56 Seiten schwarzweiß, 71 Seiten Text mit 28 Vignetten, Leinen 98,– DM. – Michael Ruetz ist ein ehrgeiziger Photograph, dem die Produktion einfach schöner oder technisch verblüffender oder rein suggestiver Photos nicht genügt, sondern der an sich selbst, das Thema und das Publikum sehr bestimmte Ansprüche stellt. Bevor er sich auf Goethes Spuren begab, machte er diese Spuren sehr genau aus: auf Landkarten in großem und kleinem Maßstab, in einer Kartei, die rund 420 mögliche Orte und Motive umfaßte. Er ist dann zwischen dem Harz und Sizilien, Böhmen und dem Elsaß über 90 000 Kilometer gereist und hat 155 Tage nur photographiert. Er hat gelegentlich unter sowohl kuriosen wie auch strapaziösen Bedingungen und nach oft tagelanger Einkreisung seines Motives das eingefangen, was er "Nachbilder" nennt: Bilder, die Goethes Lebensstationen und/oder seinen Worten penibel folgen. Diese Bilder halten eine seltsame, spürbare Balance Zwischen damals und jetzt, es sind zeitgenössische, aber vom Heute entleerte Darstellungen des Vergangenen. In diesen Photos ist der Atem angehalten, sie sind menschenlos und autofrei. Aber es ist auch nichts so hingerückt oder arrangiert (bis auf, für mein Empfinden, zwei Ausnahmen), das auf dieser jetzt leeren Bühne ein Spiel der dubiosen Geisterbeschwörung, begünstigt hätte. Die Photos sind Bilder zu Bildern, sind "wiederholte Spiegelungen" (um ein Goethe-Wort aufzunehmen, das Ernst Beutler vor seinen Essay über Lili Schönemann gesetzt hat), letzte Echos. An dem Betrachter liegt es, sie aufzunehmen, zurückzuverfolgen, durch seine Lande hindurch bis zum Dichter. Glückliche Reise! Petra Kipphoff