Brüssel soll retten, was die Sonne nicht schaffte

Von Erika Martens

Sorgenvoll blicken die deutschen Winzer in diesem Jahr zum Himmel; der Wettergott scheint es nicht allzugut mit ihnen zu meinen. Zwar war die Sonne in den letzten Wochen ein wenig gnädiger, die Hoffnungen auf einen guten Jahrgang allerdings müssen die Weinbauern langsam begraben. So arg wie die Natur es will, muß es dennoch nicht kommen. Was Petrus den Trauben verweigerte, soll Brüssel nun zugestehen.

Dort klopften nämlich in diesen Tagen Abgesandte deutscher Anbaugebiete an, um von einer Ausnahmeregelung Gebrauch machen zu. können, die die EG-Verordnung Nr. 816/70 zuläßt, "wenn es die Witterungsverhältnisse in bestimmten Weinbauzonen der Gemeinschaft erforderlich erscheinen lassen". Sagt Brüssel ja, dann darf der 78er "verbessert" werden, das heißt, seinem Alkoholgehalt kann durch vermehrtes Hinzufügen von konzentriertem Traubenmost oder Rübenzucker etwas nachgeholfen werden.

Ob auch eine Herabsetzung der Mindestmostgewichte, wie Rheinland-Pfalz sie 1972 schon einmal zuließ, der diesjährigen Ernte klangvollere Namen bescheren wird, steht noch nicht fest. Richard Sebastian, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Weinbauverbände Rheinland-Pfalz, sieht allerdings nach den ersten Mostgewichtsmessungen Anlaß zu neuer Hoffnung. Wenn die Sonne sich noch ein bißchen anstrengt, könnte der diesjährige Wein immerhin "nahe an den 77er herankommen oder ihn sogar erreichen". Dann sieht er die Chance, daß die Brüsseler, Ausnahmegenehmigung gar nicht angewandt werden muß. Und besorgt um das Image des deutschen Weins weist Sebastian zugleich darauf hin, daß die hiesigen Winzer mit ihrem Ansinnen an die Gemeinschaft nicht allein dastehen: Schon vor vierzehn Tagen nämlich haben auch die Luxemburger auf Veränderung der Verbesserungsgrenze gedrängt.

Verbesserungsmethoden dieser oder anderer Art machen manche Weine durch, ehe sie ins Glas gelangen. Im Sturm eroberte zum Beispiel der Elsässer Edelzwicker, berühmte Sortenmischung der französischen Rheinseite, die Zungen deutscher Weintrinker. Ihn gibt es gar – im Bundesgebiet – passend für den jeweiligen. Geschmack. So inserierte kürzlich ein Freiburger Einzelhandelsunternehmen: "Elsässer Edelzwicker – Qualitätswein aus Frankreich – auch trocken zu haben."

Die Vorsicht ist offenbar berechtigt. Zwar fanden trockene elsässische Weine im Gefolge des Edelzwickers in den letzten Jahren in der Bundesrepublik viele Freunde – allein von 1976 auf 1977 stieg die Einfuhr aus diesem französischen Anbaugebiet von knapp achtzig- auf gut hunderttausend Hektoliter – doch generell haben die lieblicheren Weine bis heute unter Deutschlands Zechern die größte Anhängerschar.