Statt Schlager schuf er Kunst

Von Josef Müller-Marein

Daß in den Abendnachrichten des französischen Fernsehens vom 9. Oktober der Tod Jacques Brels an erster Stelle erwähnt und sehr ausführlich behandelt wurde, daß am nächsten Morgen die Pariser Zeitungen sich seitenlang mit dem Ereignis beschäftigten, eine jede nach ihrer Art, wobei die eine das Sensationelle seines Tuns und Lassens, die andere seine Kunst hervorhob, daß noch wochenlang die Zeitschriften das Thema vertieften, daß der Kultusminister Frankreichs erklären konnte, der Verstorbene sei nun unsterblich – wie ist das zu erklären? Was hat Jacques Brei hinterlassen? – Chansons.

Das ist in unseren, den deutschen Augen eine geringe Ernte, die obendrein noch leicht verdirbt. Und hier kann sogar Jacques Brei selber zum Zeugen aufgerufen werden. "Hätte ich wirklich Talent", so sagte er einmal, "dann hätte ich doch wohl keine Chansons gemacht." Und er begründete seinen Pessimismus so: "Das Chanson ist weder eine bessere, noch eine schlechtere, sondern überhaupt keine Kunst. Es ist ein sehr armes Gebiet, nämlich eingeschränkt durch eine ganze Reihe fremder Anforderungen. Probieren Sie es einmal, den bescheidensten Gedanken in drei Vorstrophen und drei Refrains klar und deutlich auszudrücken! Das Chanson ist etwas fürs Radio; das heißt: Jeder hört’s, keiner hört zu."

Mit dieser Ansicht stand Brei nicht allein. Die Mehrzahl der gebildeten Deutschen urteilten genauso. Die Mehrzahl der Belgier ebenfalls, wenngleich sie heute in den Trauerchor einstimmen. Und hier sind speziell die Flamen gemeint. Die Wallonen sind völlig anderer Ansicht und gleichen eher den Franzosen.

Jacques Brei, geboren im April 1929 zu Brüssel, war Flame. Er hat versucht, daheim, in seinem Vaterland, mit Chansons "etwas zu werden". Vergeblich. Da packte er seine Gitarre und machte sich auf nach Paris. "Das Chanson", so sagte er, "ist wesentlich eine Sache lateinischer Länder."

Im dritten Jahr Plattenmillionär