Johannes Paul II. paßt in kein kirchenpolitisches Klischee

Von Hansjakob Stehle

Rom, im Oktober

Nicht aus der Kälte kommt dieser Papst, auch nicht aus "dem Osten" – sei dieser als Lichtquelle irdischen Heils oder als bloße Gulag-Finsternis verstanden. Karol Wojtyla, der Pontifex aus Polen, kommt – nach eigenen Worten – "aus einem fernen, doch in der Gemeinschaft christlicher Tradition so nahen Land". Aus der relativen Geborgenheit einer Nation und Gesellschaft, die auch im 34. Jahr kommunistischer Regierung kirchentreu geblieben ist, tritt er an die Spitze einer weltweiten Glaubensgemeinschaft, welche diesseits all ihrer dogmatischen Verankerungen in die Strudel von Menschheitskrisen geriet, in denen viele ihrer herkömmlichen geistlichen Steuerungen versagen.

Der neue Papst tritt als Johannes Paul II. das Erbe von drei Vorgängern an, die – seit dem Vatikanischen Konzil der sechziger Jahre – der römischen Kirche .Reformimpulse gaben, die weder revidierbar noch ganz kontrollierbar sind. Vermag er die fromme Gelassenheit eines Johannes mit der grüblerischen Modernität eines Paul zu vereinen, ohne – wie der jäh dahingeraffte Luciani-Papst – an der Aufgabe, ihren Spannungen und Unüberschaubarkeiten, zu zerbrechen? "Wir hatten Angst, daß er sagen würde: Es geht über meine Kraft", berichtete der Münchner Erzbischof Ratzinger, einer der 110 Kardinäle der römischen Kirche, die mit ihrer Wahl vom Montag dieser Woche ihren Amtsbruder aus Krakau genauso heftig überraschten wie alle Welt. Von seiner Angst, die nur "der Gehorsam gegenüber unserem Herrn" überwunden habe, sprach aber auch der neue Papst, als er – seit vier Jahrhunderten der erste nichtitalienische Bischof von Rom – vor die erstaunten Gläubigen trat.

Die Unbefangenheit des Fremden

Gewiß, auch er wird im Stil seines Vorgängers versuchen, brüchige Protokollbarrieren einzureißen, dem gläubigen Volk "aufs Maul" zu schauen und den monarchischen Vatikanstaat samt der Römischen Kurie etwas zu "demokratisieren", besser: zu popularisieren. Er bringt dazu die Unbefangenheit des wirklich Fremden (und deshalb auch. weniger Befremdeten) mit. Aber auch die Befürchtungen, die Ängste, die über diesem Konklave, dieser zweiten Papstwahlversammlung von 1978 lagen, lasten auf ihm.