Nirgends sonst in Deutschland legen so viele Leute so starken Wert auf das, was man eine "Adresse" nennt, wie in Hamburg. Ein Informationskorn, herausgepickt aus dem Zahlen- und Datenwust einer demoskopischen Untersuchung, die unlängst von der Zeitschrift Schöner wohnen angestellt wurde, macht das deutlich:

Rund fünfzehn Prozent der Deutschen, sehen in der "Adresse" ein Indiz dafür, ob jemand (wonach die Umfrager forschten) wirklich "Interesse an seiner Wohnung" hat, wobei übrigens für 72 Prozent die "Gepflegtheit der Wohnung" der entscheidende Indikator ist. In den Großstädten nehmen 21 Prozent den Prestige-Rang der Wohngegend mehr oder minder wichtig. Speziell in Hamburg aber spielt die "Adresse" für 35 Prozent eine Rolle, im Zweifelsfalle eine eher wichtige.

Das Straßennamensschild wird zum Aushängeschild des persönlichen Ansehens, und die Postzahlen hinter dem Anschriftswort "Hamburg" enthalten einen Code für Kundige: Hamburg 13, aha, das ist Harvestehuder Weg oder Pöseldorf oder Mittelweg, vornehmes Viertel mithin. Oder Hamburg 52: das sind die Elbvororte, Flottbek, Blankenese, mindestens genauso vornehm Unter den vielen Zahlen, die in Hamburg zählen, sind das jedenfalls nicht die geringsten.

Nun, ja, ähnliches gibt es allenortes. Man hat in Berlin schon lieber im Westend gewohnt als am Ostkreuz; und die "vornehme" Adresse signalisiert zunächst nichts anderes als die einfach "gute", nach Lage und Luft bevorzugte Gegend. In Hamburg allerdings ist solches Kriterium längst ins Groteske verkehrt. Ob die Ausfallstraße nun vorbei- und die Einflugschneise drüberwegdröhnt, ob im Haus nebenan die neuen Mini-Wohnungen so schweres Geld kosten, daß nur leichte Mädchen sich sie leisten können, ob die Wasserratten aus der Alster in die Klo-Röhre vordringen oder ob von jeder dritten alten Villa der Putz abblättert oder ob... egal, die Hamburger, ein Drittel der Hamburger, pflegt offenbar unentwegt den von Generation auf Generation vererbten Adressen-Tick.

Es bliebe kurios, wenn’s nicht so ärgerlich wäre: für die Durchsetzung einer vernünftigen Stadtplanung, für Vernunft im "Mieten-Spiegel" zum Beispiel. Einer, der sich da auskennt, obwohl er nicht in Hamburg wohnt, konstatierte: "Die Hamburger, die lieber im Keller einer sogenannten Adresse wohnen als für weniger Geld in einer Barmbeker Wohnung, die sind doch selber schuld daran, wenn sie über ihre hohen Mieten klagen."

Einer, der sich ebenfalls auskennt und in Hamburg lebt, stimmt natürlich zu. Ansonsten überlegt er sich: Ziehst du nun um oder nicht, nach "13" oder "52"? Täte er’s nicht, wäre er keiner der (nicht ganz) richtigen Hamburger in ihrem Wohngegendwahn. rst.