Von Günter Haaf

Hochbeinig hüpft der einst weiße, jetzt rötlich gepuderte Saviem-Kleinbus über die Waschbrettstraße aus ziegelroter Laterit-Erde, die sich wie ein weithin sichtbarer Ariadnefaden durch die uferlose, sattgrüne Savanne zieht. Ich schaue durch die beiden ebenfalls gepuderten Fenster der Hecktüre – auch eine Art von rosaroter Brille – hinaus auf die vorbeiziehenden Dickichte und Maisfelder, bewundere immer aufs neue die flaschenbauchigen, mächtigen Stämme der Baobabs, der Affenbrotbäume. Mehlfeiner Lateritstaub quillt durch alle Ritzen, wenn wir über ein Stück abgetrocknete Piste hinwegfegen. Dann, bei siebzig Sachen, bremst der schwarze Chauffeur mit sanfter Sohle sein rüttelndes, bockiges Vehikel ab, um gekonnt durch tennisplatzgroße, trübe Tümpel unbekannter Tiefe hindurchzuschlittern: Dieses. Teilstück der Straße von Korhogo nach Kouto, so steht es in der Karte, gilt als "unpassierbar während der Regenzeit". Und noch ist, der grellen Sonne zum Trotz, Regenzeit im Norden der Elfenbeinküste.

Endlich ist es soweit. Bruder Sanftfuß stoppt den Wagen. Doch bevor ich mich aus den mit mir auf der letzten Bank reisenden Koffern sortiert habe, um die erwartete unpassierbare Furt zu sehen, steht der Anlaß für unseren Halt schon hinten an der Tür: Auf dem Kopf je ein gewaltiges blaues und gelbes Stoffbündel, darunter unendlich viele Zöpfchen, zu lustigen Pferdeschwänzen gebündelt, dann strahlende dunkle Augen, zwei sehr ebenmäßig; schwarze Gesichter, knöchellange Kleider aus buntem Stoff, gewaltige silberne Arm- und Fußreife, Bernsteinketten – zwei Mädchen vom Nomadenstamm der Peul auf Reisen.

Babylonisches Sprachgewirr

Ob wir diese Anhalterinnen mitnehmen? Na, Mar doch, bis Tiasso sind es immerhin noch zwanzig Kilometer, und selbst Vany, die attraktive schwarze Dame aus der Hauptstadt Abidjan meint anerkennend? "They are so beautiful!" Also Notsitz ’runtergeklappt, zwei weitere Bündel verstaut und sich erst einmal heimlich und dann ordentlich beguckt.

"Alle Europäer meinen immer, in Afrika leben nur wilde Tiere", wird ein hoher Beamter vom Tourismusministerium ein paar Tage später in Abidjan erzählen, ein unlauteres Vorurteil dabei umdrehend. Gewiß, die Elfenbeinküste (offiziell: Côte d’Ivoire), dieses westafrikanische Wirtschaftswunderland, kann sich nicht mit der zoologischen Vielfalt Ostafrikas messen. Doch das Land zwischen der trockenen Sahelzone im Norden und der tropisch-feuchten Atlantikküste im Süden hat, wie die ivoirischen Tourismusexperten glauben machen, andere, ähnlich kräftige Reize für Reisende zu bieten: den "afrikanischen Menschen" – oder besser gesagt, mehr als 60 verschiedene Stämme mit gleichermaßen unterschiedlichen Gebräuchen und Sprachen. (Bei derart babylonischen Verhältnissen nimmt es nicht Wunder, daß die rund achteinhalb Millionen Ivoirer französisch sprechen, wenn sie sich in ihrer Republik von der Größe der Bundesrepublik, Hollands und Belgiens zusammengenommen verständigen wollen.)

Die beiden Peul-Mädchen unterhalten sich in ihrer singenden, leicht nasalen Sprache, bis wir uns nach Tiasso geschaukelt haben. Dort, nach dem Ausladen der farbenprächtigen Bündel, unterhalten wir uns kurz in der einzigen Sprache, die wir gemeinsam verstehen: Wir winken uns freundlich zu.