Von Helmut Heißenbüttel

Als der Verleger von Suhrkamp- und Insel-Edition Siegfried Unseld auf einer Veranstaltung der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt 1977 bekannte, die letzten Namen skandinavischer Autoren, die er gehört habe, seien Strindberg und Martinson gewesen, protestierte der schwedische Germanist Gustav Korlén: es gebe doch sogar einen jüngeren schwedischen Schriftsteller, der in der Bundesrepublik bekannter sei als in Schweden selbst. Er meinte Lars Gustafsson, Jahrgang 1936. Tatsächlich verkörpert Gustafsson als Person und in seinem Werk eine Vorstellung von schwedischer Literatur in deutscher Übersetzung, wie man sie sich lebendiger nicht denken kann.

Gustafsson ist ein vielseitiger Autor. Als Lyriker wurde er zuerst bekannt. In der berühmt gewordenen Aufforderung, die Memoiren des Jagdfliegers von Richthofen unverändert, unarrangiert und unkommentiert zu publizieren, da nur so, im reinen Vorzeigen, die faschistoide Gesinnung verdeutlicht werden könne, leistete er seinen eigenwilligen Beitrag zur Dokumentarliteratur.

Die Neigung zur philosophischen und spekulativen Hintergründigkeit scheint bei dem einstigen Philosophiestudenten immer wieder durch. Nie jedoch wird er trocken weltanschaulich, theoretisch oder gar ideologisch. Im Gegenteil beruht der eigentliche Reiz in Gedicht, Essay, Erzählung und Roman darin, daß die Fülle des konkret Anschaulichen, der phantasievollen Einfälle quer steht gegen das, was theoretisch am Grunde verborgen ist. Seit der Wende von den sechziger in die siebziger Jahre hat er an einem umfangreichen und ehrgeizigen Romanwerk gearbeitet. Mit der deutschen Übersetzung des fünften Bandes von –

Lars Gustafsson: „Der Tod eines Bienenzüchters“, Roman, aus dem Schwedischen von Verena Reichel; Hanser Verlag, München, 1978; 178 S., 24,80 DM

ist dieses Romanoeuvre nun auch für den deutschen Leser als Ganzes zu beurteilen.

Dem fünften und letzten Band hat Gustafsson eine Art Synopsis angehängt, in welcher der Obertitel des Zyklus mit „Risse in der Mauer“ angegeben und der wechselnde Aspekt der jeweiligen Hauptperson noch einmal festgehalten wird. Das heißt: alle fünf Helden dieser fünf Romane haben denselben Vornamen (Lars) und dasselbe Geburtsdatum (17. 5. 1936). Zweimal erzählt Gustafsson von sich selber, hat zum Helden Lars Gustafsson (im ersten: „Herr Gustafsson persönlich“ und im vierten „Sigismund“). Die anderen sind: im zweiten, „Wollsachen“, Lars Herdin, ein Mathematiklehrer; im dritten, „Das Familientreffen“, Lars Troäng, ein Staatssekretär (der im fünften noch einmal erwähnt wird); im fünften, Lars Lennart Westin, ein pensionierter Lehrer, der seinen Tod erwartet.