Von Werner Ende

Die "Bibliothek arabischer Klassiker", deren erster Band hier bereits vorgestellt worden ist (ZEIT vom 12.11. 76) kommt gut voran. Nach der klassischen Prophetenbiographie des Ibn Ishâq sind nun als Band 2 der Reihe übersetzte Auszüge aus dem "Buch der Lieder" des Abu 1-Faradsch al-Isfahânî (gestorben 967 n. Chr.) und als Band 3 Auszüge aus den "Goldwäschen" des Mas ’ûdî (gestorben 956) erschienen:

Abu 1-Faradsch: "Und der Kalif beschenkte ihn reichlich"; Al-Mas’ûdî: "Bis zu den Grenzen der Erde", aus dem Arabischen und bearbeitet von Gernot Rotter; Horst Erdmann Verlag, Tübingen/Basel, 1977/1978; 233 und 239 S., je 35,– DM.

Ist die Prophetenbiographie – bei aller Anekdotenfreudigkeit und Dialogfülle – doch ein Werk religiös-historischer Erbauung, so sehen wir uns im "Buch der Lieder" des Abu 1-Faradsch einer ganz anderen Welt gegenüber. Es ist die Welt des höfischen Lebens der Umayyaden- und Abbasidenzeit (661–1258 n. Chr.), ein Milieu, in dem oft genug verschwenderische Kalifen, weinselige Sänger, opportunistische Literaten, zynische Schürzenjäger und geistreiche Schmarotzer den Ton angaben. Sie in erster Linie sind die "Helden" dieser im arabischen Kulturkreis bis heute hoch geschätzten Sammlung von Gedichten und Anekdoten. Der Islam und seine redlichfrommen Anhänger sind hier nicht selten Gegenstand mehr oder weniger offenen Hohns, man genießt das vom religiösen Gesetz Verbotene – und bereichert sich. Dazwischen dann Töne echter Reue, aufrichtiger Liebe, der Klage über verlorene Freunde und über die entschwundene Jugendzeit.

Der Übersetzer, Gernot Rotter, hat aus der Fülle des arabischen Originals mit Umsicht ausgewählt und den Text im Deutschen so weit gerafft und geglättet, daß diese Kostproben aus einem der bedeutendsten Werke klassisch-arabischer Literatur- und Sittengeschichte auch für einen weiteren Leserkreis eine reizvolle und zugleich lehrreiche Lektüre bilden können.

Im 3. Band, in den Auszügen aus den "Goldwäschen" (oder, nach einer anderen Übersetzungsmöglichkeit, "Goldwiesen") des Mas’ûdî, haben wir es mit einer eigentümlichen Mischung aus Geographie, Völkerkunde und Geschichtsschreibung zu tun.

Für seine Übersetzung hat Rotter den Anfangsteil des Werkes ausgewählt, in dem der Verfasser – ein belesener, weitgereister Iraker des 10. Jahrhunderts – die vorislamische Welt seit dem Beginn der Schöpfung, aber auch die außerislamische Welt seines eigenen Zeitalters beschreibt. Al-Mas’ûdî berichtet über Länder, Flüsse und Meere, die Entstehung von Ebbe und Flut, über Flora und Fauna, Völker und Rassen. Dabei kommt er vom Hundertsten ins Tausendste: Bevor er etwa die Negervölker behandelt, plaudert er erst einmal über afrikanische und indische Elefanten, über Edelsteine, verschiedene Qualitäten von Wasser und vieles andere mehr. Nicht nur über Inder und Chinesen, die alten Ägypter und Römer weiß er vielerlei zu sagen – auch die europäischen Völker seiner Gegenwart sind ihm nicht unbekannt: Die Deutschen scheint er für einen besonders kriegstüchtigen slawischen Stamm zu halten; die Franken sind mutig und Paris ist groß, mit den Galiciern und Langobarden haben die Muslime blutige Kriege geführt. Gesichertes Wissen, Legendäres und rein Erfundenes stehen unvermittelt nebeneinander. Ein faszinierendes Buch.

Kein Zweifel, Rotters Reihe ist ein verdienstvolles Unternehmen. Der Verleger beschenke ihn reichlich!