Von Jean Améry

Wieder und wieder geraten einem Bücher in die Hände, mit deren Prämissen man so wenig im Einverständnis ist wie mit ihren Konklusionen und die man gleichwohl mit Interesse und Sympathie liest. Dies war für mich der Fall bei der Lektüre des Werkes

Wolfgang Kraus: "Die verratene Anbetung – Verlust und Wiederkehr der Ideale"; Piper, München, 1978, 191 S., DM 24,–

Kraus’ – im durchaus positiven Sinne – populäre Kulturkritik kommt von wesentlich religiosem Erleben her und mündet in die Forderung nach neuer Religiosität ein. Da hätte der Atheist, der hier rezensiert, eigentlich nein zu sagen oder einfach zu schweigen. Wäre ich nicht der Meinung, daß man getrost vom Religiösen absehen und dennoch die Arbeit mit Gewinn lesen kann, ich würde mich gewiß zum Schweigen entschlossen haben.

Jedoch, das breite Panorama der geistigen und politischen Situation dieser Zeit ist gültig auch für den Skeptiker. Kraus’ Fragen nach "unserem leichten Leben", "unserer golden Freiheit", "unseren stolzen Künsten", "unseren phantastischen Paradiesen" stellen sich als Fragen einem jeden von uns. Sein Inspirationsgedanke, daß nämlich der Versuch, eine konkrete Utopie des Irdischen zu entwerfen, der Anfang allen Übels war, ist mir fremd. Nicht so fremd freilich, daß ich nicht übereinstimmte mit ihm in die Kritik einer hedoumsehen Welt, in der von hedone (griechisch "Lust", "Vergnügen") niemand etwas zu verspüren scheint.

Kraus fordert nicht zur Askese auf, dazu ist er zu vernünftig; er schleudert nicht den üblichen Bannstrahl gegen Wissenschaft und Technik, denn allzu gut weiß er, der sehr häufig osteuropäische Länder besucht, wie katastrophal eine defiziente Technik sich gesellschaftlich auswirkt und wie hoch die Leidfreiheit einzuschätzen ist, die wir dank wissenschaftlicher Forschung immerhin erreicht haben. Aber man wird doch etwas nachdenklich, wenn er, Karl Popper zitierend, sagt, es habe der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, stets die Hölle produziert – was für die westlichen Technokraten ebenso gilt wie für die sich als sozialistisch ausgebenden Bürokratien. Die Ideale – und es ist ja fast rührend, daß ein Autor es heute überhaupt wagt, dieses aus dem Sprachschatz der Intellektuellen ausgestoßene Wort noch niederzuschreiben! – sollen gleichsam als Sterne über uns stehen und "das pragmatische Bemühen, sich Idealen anzunähern" wäre als "realistischer und pragmatischer Idealismus" erstrebenswerter als der schrille Ruf nach dem "paradise now".

Des Autors, dank eines bedeutenden horizontalen und vertikalen Wissens polemisch konzipierte Kulturkritik ist einem liberalen Konservatismus verpflichtet. Da wird vielleicht manches allzusehr vereinfacht, so die Kritik am Positivismus, der ja niemals eine "Weltanschauung" hat sein wollen. In anderen Partien des Buches aber ist die verkürzende Methode ein rechter Segen. Ich denke da namentlich an seinen knappen Aufriß der Geschichte der Ästhetik und die Kritik am Begriff des autonom Kunstschönen, der sich seit rund zwei-Jahrhunderten durchsetzte und gelebter Wirklichkeit sich ebenso entfremdete wie jeglicher denkbaren Ethik. Der Anarchie von Kunst und Kunstbewertung versucht er entgegenzusteuern, durch den im Worte etymologisch verborgenen Begriff handwerklichen Könnens. Ausgezeichnet auch die Analyse der Moden und ihrer jeden Protest zur Ware herabwürdigenden Funktion.